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10. Condrobs Frauen*salon: Zurück auf Los… Sind wir machtlos gegen den Backlash?

Über 100 Frauen*, Fachkräfte, Aktivistinnen* und Verbündete kamen an diesem Abend in der Münchner Drehleier zusammen. Das Thema des 10. Condrobs Frauen*salons lautete:

Zurück auf Los… Sind wir machtlos gegen den Backlash?

Was als gesellschaftliche Fragestellung begann, bekam schnell eine persönliche Dimension – und machte deutlich, dass der Backlash kein abstraktes Phänomen ist, sondern gelebte Realität. Vor allem im Netz.

Ein System, kein Einzelfall

Im Mittelpunkt des Abends stand Luisa Filip [1], freie Journalistin und Co-Hosterin des Podcasts „X und Y – der Podcast über Medien und Feminismus [2]“. Gleich zu Beginn ihres Impulsvortrags teilte sie ihre schockierende, persönliche Erfahrung mit Hass im Netz: Ihr eigenes, 13 Sekunden kurzes Instagram-Video, das eine sachliche Kritik an politischen Reaktionen auf Femizide enthielt, löste einen massiven digitalen Angriff aus – rund 300.000 Aufrufe, etwa 1.000 Hass-Kommentare, davon 99 Prozent von Männern.

Filip beschrieb die psychologische Wirkung des Angriffs eindringlich: anfängliches Abarbeiten – Blockieren, Melden –, bis irgendwann etwas kippt.

„In der Nacht danach habe ich nicht geschlafen.“

Aus digitalen Angriffen wurde reale Angst: die Frage, ob jemand vor der eigenen Tür stehen könnte. Und schließlich eine folgenreiche Entscheidung:

„Ich habe danach bewusst keine so kontroverse Meinung mehr ins Internet gestellt.“

Genau dieser Rückzug – nicht freiwillig, sondern erzwungen – ist das eigentliche Ziel solcher Kampagnen.

Hintergründe und strukturelle Dynamiken

Filip analysierte die Mechanismen hinter dem Phänomen präzise: Plattformen, die sich der Regulierung entziehen. Algorithmen, die extreme Inhalte bevorzugen und verbreiten. Netzwerke der sogenannten Manosphere, die Frauen*hass systematisch reproduzieren. Und gezielte Einschüchterungstaktiken wie Hatestorms, Doxing und Deep-Fake-Pornografie. In geschlossenen Telegram- und Facebook-Gruppen kursieren Nacktfotos von Frauen* ohne deren Wissen, Aufrufe zu Femiziden und Incel-Ideologie.

Wie weit diese Kultur der Entmenschlichung reicht, zeigte der Fall Gisèle Pelicot auf erschreckende Weise: Ihr Ehemann hatte sie über Jahre hinweg betäubt, sie in sozialen Netzwerken als verfügbar angepriesen und Dutzende Männer dazu gebracht, sie zu vergewaltigen – Taten, die er selbst filmte und in einschlägigen Online-Gruppen teilte. Der Fall steht exemplarisch dafür, wie digitale Räume reale Gewalt gegen Frauen nicht nur begünstigen, sondern aktiv organisieren.

Angriff auf Teilhabe im digitalen Raum

Katrin Bahr, Geschäftsführende Vorständin von Condrobs, ordnete diese Entwicklungen in einen größeren politischen Zusammenhang ein: Die Rechte und Teilhabe von Frauen* und queeren Personen würden „von ultra-konservativen, religiös fundamentalistischen und extremistischen Kräften angegriffen – und das besonders im digitalen Raum.“

Zahlen unterstreichen die Dimension: Laut Europäischem Parlamentarischen Forum für sexuelle und reproduktive Rechte flossen zwischen 2019 und 2023 rund 1,18 Milliarden US-Dollar in Anti-Gender-Kampagnen in Europa – mehr als in den zehn Jahren zuvor zusammen. Parallel dazu nutzen neun von zehn Jugendlichen soziale Medien wie TikTok und Instagram als primäre Informationsquelle. Ein digitaler Resonanzraum, der antifeministische Inhalte verstärkt und normalisiert.

Der Silencing-Effekt: Wenn Schweigen das Ziel ist

Bahr benannte einen zentralen Mechanismus des Backlash: den Silencing-Effekt. Wenn feministische Stimmen systematisch angegriffen werden, verändert sich der Diskurs. Menschen ziehen sich nicht aus Überzeugung zurück, sondern aus Selbstschutz.

„Forderungen nach fairer Bezahlung, mehr Frauen* in Führungspositionen oder wirksamem Schutz vor Gewalt müssen plötzlich wieder stärker gerechtfertigt werden – obwohl sie eigentlich grundlegende Fragen von Gerechtigkeit und Teilhabe betreffen.“

Dr. Sophia Berthuet, Abteilungsleiterin sucht-, integrations- und genderspezifische Hilfen bei Condrobs, betonte, dass sich diese Entwicklungen längst in der sozialen Arbeit zeigen:

„Der Backlash ist nicht rhetorisch, er ist existenziell.“

Besonders vulnerabel sind dabei Frauen*, die ohnehin in prekären Lebenslagen leben oder von mehrfacher Diskriminierung betroffen sind – Menschen, die keine öffentliche Plattform haben, auf der sie sich Gehör verschaffen können.

Kunst als Gegenbewegung: GG Soprano

Einen eigenen Akzent setzte GG Soprano [3], Opernsängerin und Rapperin, mit ihrer Performance. Auch sie hat Hass im Netz erlebt: eines ihrer Musikvideos ging viral und brachte ihr dadurch Millionen Aufrufe – und monatelangen Hass. Im Rückblick versucht sie dem auch etwas Positives abzugewinnen:

„Trotz des Hates war das vielleicht der Start meiner Karriere.“

Der Hass markiert nicht das Ende, sondern wird zum Ausgangspunkt. Kunst als Widerstand – und als Aussage.

Widerstand und Solidarität

Trotz der ernüchternden Analysen blieb der Abend, moderiert von BR-Journalistin Özlem Sarıkaya, nicht im Pessimismus stecken. Die Diskussion öffnete den Raum für konkrete Handlungsperspektiven.

Filip selbst machte deutlich, dass sie die Einschränkung ihrer Meinungsfreiheit nicht einfach hinnehmen will:

„Ich will nicht einsehen, dass ich nicht mehr wütend sein darf, nur weil dann ein Männermob auf mich zukommt.“

Aus dem Saal kamen schnell konkrete Antworten auf die Frage, was getan werden kann. Es ging um Solidarität, die sichtbar wird – um Interventionen im Alltag und Zivilcourage. Ein scheinbar simples Werkzeug wurde dabei hervorgehoben. Die Frage:

„Wie meinst du das?“

In der Realität verschafft dieser eine Satz Zeit, sich zu sammeln, das Gespräche zu verlangsamen, Widerstand zu zeigen und den Raum zu verändern. Auch online können kleine Zeichen wie eine unterstützende Nachricht oder ein sichtbarer solidarischer Kommentar enorm viel bedeuten, um  Hass entschieden zu begegnen.

Die Idee eines kollektiven „Love Storms“ – gemeinsam Sichtbarkeit herstellen, statt einzeln unterzugehen – entstand als spontaner Impuls aus dem Raum und wurde zum Symbol des Abends.

Fazit

Der 10. Condrobs Frauen*salon hat gezeigt: Der Backlash gegen Frauen* im Netz ist real, organisiert und wirksam. Aber er ist nicht alternativlos.

Der Abend machte deutlich, dass aus der Erfahrung von Ohnmacht handlungsfähige Haltungen entstehen können. Dafür sind geschützte Räume wichtig. Für Austausch, für Vernetzung. Damit keine Scham entsteht und sich niemand einschüchtern lässt. Und genau darin liegt seine Kraft. Oder wie es Dr. Sophia Berthuet formulierte:

„Machtlos sind wir nicht. Aber wir dürfen nicht passiv bleiben.“

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