Am 1. Juli 1994 begann Rainer Wege seine Arbeit als Suchtberater bei Condrobs. Am 1. August 2026 geht der Diplom-Psychologe und Suchttherapeut in den – wie er selbst sagt – „(Un)Ruhestand“. Seine 32 Jahre fallen in eine Zeit, in der sich die Suchthilfe in Deutschland fachlich neu erfunden hat: von einer moralisch aufgeladenen Abstinenzforderung hin zu einem Feld, das akzeptanz- und abstinenzorientierte Ansätze heute selbstverständlich nebeneinander anbietet. Rainer Wege hat diesen Wandel nicht nur miterlebt, sondern in seiner Beratungsstelle mitgestaltet.
Eine zweizeilige Anzeige als Anfang
Es begann mit einer kleinen Stellenanzeige in der Süddeutschen Zeitung: „Wir suchen Dipl.-Psychologen, der bereit ist, auch soziale Arbeit zu machen und Humor hat.“ Rainer Wege bewarb sich und kam zu einem Verein, der damals noch klein war und mit der Liquidität kämpfte. Das Gehalt wurde hälftig ausgezahlt, das Weihnachtsgeld war meist nicht finanzierbar. Condrobs war 1994 ein Suchthilfeverein mit rund 45 Mitarbeitenden, tätig in und um München und Augsburg. Entscheidungen wurden basisdemokratisch in den Teams gefällt, Versammlungen fanden im Teehaus in der Häberlstraße statt, Renovierungen erledigte das Team in Eigenarbeit.
Aus dem kleinen Suchthilfeverein entwickelte sich Condrobs e.V. zu einem bayernweit tätigen Sozialträger mit über 100 Einrichtungen und rund 1.000 Mitarbeitenden, der Gehälter pünktlich und in voller Höhe zahlt. „Der Verein ist zu einem verlässlichen Arbeitgeber geworden“, bilanziert Rainer Wege. Trotz aller Veränderungen blieb eines gleich: Die Beziehung zu den Menschen bildet bis heute das Fundament erfolgreicher Suchthilfe.
Eine Debatte, die zur Weiterentwicklung führt
Fachlich prägend war für Rainer Wege vor allem eine Debatte, die in den 90er-Jahren durch die gesamte Suchthilfe ging: die Frage, ob Substanzkonsum ausschließlich über Abstinenz zu behandeln sei oder ob akzeptanzorientierte Ansätze – also die Begleitung von Konsum, ohne ihn zu beenden – ein legitimer Teil der Hilfe sind. 1994 gab es noch keine offizielle substitutionsgestützte Behandlung, etwa mit Methadon. Heroinabhängige versuchten stattdessen, sich Codein oder Diazepam verschreiben zu lassen, Substanzen, die auch auf dem Schwarzmarkt intensiv gehandelt wurden.
Die Diskussion um medikamentengestützte Behandlung spaltete auch das Team bei Condrobs in Befürworter*innen und Kritiker*innen. Zwei Hilfeverständnisse standen sich gegenüber, die sich zunächst gegenseitig ausschlossen.
Im Zentrum der Debatte stand die Erkenntnis, dass Menschen ohne Substitutionsbehandlung ein deutlich höheres Sterberisiko haben als Menschen in Behandlung. Gleichzeitig senkt die Substitution das Risiko einer Ansteckung mit HIV oder Hepatitis, stabilisiert die Lebenssituation und schafft häufig erst die Voraussetzung für Wohnen, Arbeit und ein Leben ohne Beschaffungskriminalität. Eine dauerhaft abstinente Lebensweise erreichen hingegen nur vergleichsweise wenige Betroffene. Die WHO nahm Methadon deshalb 2005 in ihre Liste unentbehrlicher Arzneimittel auf.
Bemerkenswert ist, wie die Beratungsstelle mit diesem fachlichen Konflikt umging: Statt sich für einen Ansatz zu entscheiden, entwickelte sie beide Konzepte weiter und baute sie zu einer differenzierten Angebotspalette aus. Heute umfasst das Spektrum sowohl ausstiegsorientierte ambulante Therapie als auch die psychosoziale Begleitung im Rahmen einer Substitutionsbehandlung sowie – seit Anfang der 2010er-Jahre – die Kombination beider Ansätze. Aus dem einst grundsätzlichen Richtungsstreit wurde eine fachliche Frage der individuellen Passung: Welche Unterstützung entspricht den Bedürfnissen und der Lebenssituation des einzelnen Menschen?
Von handschriftlichen Bögen zum digitalen Kerndatensatz
Auch der Arbeitsalltag hat sich grundlegend verändert und mit ihm der Anspruch an Suchthilfe als professionelle Praxis. 1994 wurde die Dokumentation händisch in Erhebungsbögen erfasst und am Jahresende am einzigen Computer der Beratungsstelle ausgewertet. Erfasst wurden damals sieben Merkmale bei Beginn und vier zum Ende einer Beratung. Heute arbeitet die Beratungsstelle mit einem spezialisierten Dokumentationsprogramm, das sich am bundesweiten Kerndatensatz der deutschen Suchthilfestatistik orientiert und 23 Merkmale zu Beginn einer Betreuung erfasst.
Diese Entwicklung ist mehr als eine technische Modernisierung. Sie steht für den Wandel der Suchthilfe zu einer stärker strukturierten, vergleichbaren und zunehmend evidenzbasierten Praxis. Mit der Professionalisierung der Dokumentation wuchs auch das Team von neun auf 13 hauptamtliche Fachkräfte, ergänzt durch Praktikant*innen und Werkstudent*innen aus Sozialer Arbeit, Psychologie und Psychotherapie-Ausbildung.
Neue Szenen, neue Konsumformen
Suchthilfe muss sich kontinuierlich auf veränderte Konsumkulturen einstellen. Mitte der 90er-Jahre führte die Rave-Kultur zur Verbreitung sogenannter Partydrogen. Das Team beobachtete die Entwicklung in der Musik- und Kunstszene aufmerksam, auch wenn diese Klientel 1997 gerade einmal 1,5 Prozent der beratenen Personen ausmachte. Der geringe Anteil täuscht jedoch: Die Auseinandersetzung mit einer neuen, jüngeren und anders sozialisierten Klientel zwang die Beratungsstelle, ihre Ansprache und ihr Verständnis von Konsum zu erweitern, lange bevor diese Gruppe zahlenmäßig relevant wurde.
Fachlich bedeutete diese Begegnung mehr als die Erschließung einer neuen Zielgruppe: Aus der HIV- und Hepatitis-Arbeit der frühen 1990er Jahre hatte sich bereits der Ansatz der Schadensminimierung etabliert: nicht Konsum per se zu verhindern, sondern Risiken zu reduzieren. Auf die Partyszene übertragen hieß das, Menschen zu befähigen, ihren Konsum möglichst sicher zu gestalten, statt ausschließlich Abstinenz zu fordern. Diese Haltung knüpfte unmittelbar an die Substitutionsdebatte an und ist heute Standard in der Suchthilfe in Deutschland.
Seit den 1990ern hat sich das Konsumbild weiter verschoben: unter anderem durch Substanzen wir Ketamin, eine deutlich höhere Wirkstoffpotenz von MDMA/Ecstasy sowie das Auftreten synthetischer Opioide, mit einer bis zu 500-mal stärkeren Wirksamkeit als Heroin. Dass Condrobs heute über 100 Einrichtungen für ganz unterschiedliche Zielgruppen betreibt, statt einer einzelnen Beratungsstelle mit 45 Mitarbeitenden, ist auch eine Antwort auf genau diese Ausdifferenzierung der der Konsum- und Lebenswelten.
Was bleibt
Am stärksten geprägt haben Rainer Wege trotz all dieser fachlichen Umbrüche die Menschen selbst. „Ich war grün hinter den Ohren“, sagt er über seine Anfänge. Das Psychologiestudium habe ihn nicht auf die Suchtarbeit vorbereitet. Sein Wissen erarbeitete er sich durch Fortbildungen und vor allem durch Fragen an die Klient*innen. Über 30 Jahre lang begleitete er Menschen, die ihm persönliche Ausschnitte aus ihrem Leben zeigten: Vertrautes, Fremdes, manchmal Unverständliches.
Sein Fazit fasst ein Zitat des Familientherapeuten Carl Whitaker zusammen, das ihn seit dem Studium begleitet: „Nur wenn ich selbst in der Therapie mit dem Patienten lerne, ist die Therapie für den Patienten etwas wert.“ Während sich Methoden, Dokumentation und fachliche Grundsatzdebatten über drei Jahrzehnte grundlegend verändert haben, ist genau das die Konstante geblieben: Die Beziehung zu den Menschen bildet bis heute das Fundament erfolgreicher Suchthilfe.
Rainer Wege dankt seinen Klient*innen, „die mich gelehrt haben, der zu werden, der ich heute bin“. Wir danken Rainer für 32 Jahre Engagement, Fachlichkeit und Humor.