"Der Globale Rausch" feiert Premiere

Andreas Pichler zeigt Strategie und Auswirkung des Systems Alkohol

Wirtschaftsmacht und Alkohollobby treffen in Andreas Pichlers neuer Dokumentation auf persönliche Suchtgeschichten. Condrobs-Experte Josef Strohbach war bei der Premiere am Filmtheater Sendlinger Tor mit dabei.
 
Alkohol ist aus unserem Alltag kaum wegzudenken. Besonders in Bayern ist das offensichtlich: Das Reinheitsgebot ist ein Kulturgut, Biermarken jahrhundertealte Traditionsunternehmen und unsere Hauptstadt ist weltweit für das Bierfest der Superlative bekannt. Es ist also nicht verwunderlich, dass Andreas Pichlers neue Dokumentation Alkohol – Der Globale Rausch auch das Oktoberfest zum Schauplatz nimmt. Von München über England bis Nigeria beleuchtet der Film das Thema Alkohol als Wirtschaftsmacht, einflussreiche Lobby und gesellschaftliches Phänomen. Am vergangenen Donnerstag, den 09.01.2020, feierte Der Globale Rausch inklusive Filmgespräch mit Regisseur und Condrobs-Suchtexperten Josef Strohbach im Filmtheater am Sendlinger Tor Premiere.
 

Prostitution als Marketingstrategie

 
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© Tiberius Film / EIKON Filmproduktion & Miramonte Film, 2020
1.300 Milliarden Dollar: Diese kaum fassbare Summe stellt den jährlichen Erlös des Alkoholmarktes weltweit dar. Pichlers Film zeigt die Strategie dieses globalisierten Wirtschaftszweiges mit seinen vielen Schattenseiten auf. US- und Europäische Konzerne beherrschen den Markt und expandieren weltweit. Sind heimische Märkte oft saturiert und etwa durch Werbeverbote stark reguliert, finden Alkoholkonzerne zum Beispiel in afrikanischen Ländern ein offenes Spielfeld vor. Ein besonders erschreckendes Beispiel für die verwerflichen Marketingstrategien großer Alkoholkonzerne zeigt Pichler aus Nigeria: Hier machte sich ein Bierhersteller den lokalen Aberglauben, dass Stout Bier die Potenz fördere, zu nutzen und engagierte Prostituierte als „Promoterinnen“ für Veranstaltungen. So sollten Kunden den Genuss und die vermeintliche Wirkung des Getränks sofort demonstrieren können.
 

Spiegeltrinken und Koma-Saufen: Suchmittel Alkohol

 
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© Tiberius Film / EIKON Filmproduktion & Miramonte Film, 2020
Noch einige eindrückliche Zahlen: Weltweit sind 140 Millionen Menschen alkoholsüchtig, die Deutschen konsumieren durchschnittlich pro Person 10 Litern reinen Alkohol pro Jahr. Das entspricht etwa 200 Liter Bier oder 25 Litern Whiskey. Zwei Protagonist*innen stehen in Der Globale Rausch exemplarisch für unterschiedliche Suchtformen, die mit Alkoholkonsum einhergehen können. Die Engländerin Sarah etwa hat im Teenageralter begonnen, exzessiv zu trinken. Während Koma-Saufen für ihre Freund*innen eine Ausnahme blieb, war der Absturz für sie mit jedem Mal Ausgehen vorprogrammiert. Der Rausch als Selbstzweck. Lorenz Gallmetzer hingegen war jahrelang „Spiegeltrinker“: Ein gewisser Rauschpegel, auch im beruflichen Alltag als erfolgreicher Journalist, war immer da. Heute lebt Gallmetzer trocken, doch er zieht eine resignierte Bilanz: „So lange ich nicht alkoholkrank war, war mein Leben mit Alkohol schöner.“
 

Alternativen statt Verbote

 
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im Gespräch: Anja Scholz-Poliksy, Andreas Pichler und Josef Strohbach
Von umfassenden Sportprogrammen in Island über Besteuerung in Skandinavien bis hin zu „Natural High“ Workshops, die Schüler*innen in den USA beibringen, Glückshormone auf natürliche Weise und ohne Alkohol freizusetzen, zeigt der Film Gegeninitiativen zum Konsum auf. Zwar soll Der Globale Rausch kein Manifest zur Alkoholabstinenz sein, aber „mein Trinkverhalten und das von meinem ganzen Team hat sich während der Dreharbeiten auf jeden Fall geändert“, erzählt Andreas Pichler nach der Vorstellung. Für viele Maßnahmen gegen exzessives Trinken, wie es sie in anderen Ländern gibt, fehle bei uns leider der Wille zur gesellschaftspolitischen Umsetzung, meint Condrobs Experte Josef Strohbach beim Filmgespräch. Er hält aber auch positiv fest: „Für Süchtige und ihre Familien gibt es in jedem bayerischen Landkreis Suchthilfeangebote, gefördert von den Bezirken.“ Auf die Publikumsfrage, wie man auch das eigene gelegentliche Trinken reduzieren könnte, rät Strohbach: „Schauen Sie nach, was Sie in Ihren Schränken zuhause so finden. Überliegen Sie, worauf sie da leicht verzichten können. Und dann werden Sie vielleicht Überraschendes erleben.“
 
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