Die Bundesärztekammer [1], die interdisziplinäre Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie e. V. [2], der Fachverband Drogen- und Suchthilfe e. V. (fdr+) [3], die Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin [4], die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e. V. [5], der Fachverband Sucht+ e. V., [6] die Deutsche Gesellschaft für Suchtpsychologie e. V. [7] und die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e. V. [8]haben eine gemeinsame Stellungnahme zur Regulierung von Alkohol-, Tabak-, Cannabis- und Glücksspielwerbung veröffentlicht. Condrobs unterstützt diese Forderungen vollumfänglich und appelliert an die Bundesregierung, die gesetzlichen Rahmenbedingungen dringend an wissenschaftliche Evidenz anzupassen.
Sozialkosten: Gewinne privatisiert, Kosten sozialisiert
Die derzeitige Politik begünstigt indirekt die Suchtmittelindustrie auf Kosten der Allgemeinheit. Aktuelle Studien zeigen, dass Deutschland im internationalen Vergleich Regelungslücken aufweist, insbesondere bei digitalem und influencerbasiertem Marketing. Die volkswirtschaftlichen Verluste liegen bei über 136 Mrd. € jährlich:
| Bereich | Kosten | Steuereinnahmen | Defizit |
| Tabak / Nikotin | 97,2 Mrd € | 15,6 Mrd € | >81 Mrd € |
| Alkohol | 57,0 Mrd € | 3,2 Mrd € | >53 Mrd € |
| Glücksspiel | 7,0 Mrd € | 5,0 Mrd € | >2 Mrd € |
| Gesamt | 161,2 Mrd € | 23,8 Mrd € | >136 Mrd € |
Die Gewinne der Industrie entstehen oft auf Grundlage gesundheitlichen Leids: Rund die Hälfte des Alkoholverkaufs stammt von abhängigen oder riskant konsumierenden Personen, im Glücksspiel bis zu 76 % vom problematischen Spielverhalten.
Die zentralen Forderungen
- Steuern erhöhen: Einführung von Mindestpreisen pro Alkoholeinheit (Minimum Unit Pricing) und Anhebung der Verbrauchssteuern für Alkohol, Tabak, Nikotin, Cannabis und Glücksspiel.
- Umfassendes Werbeverbot: Für alle Suchtmittel und Glücksspiel, inklusive Social Media und Influencer-Marketing. Sachliche Produktinformation am Point of Sale bleibt erlaubt.
- Trennung von Sport und Suchtmitteln: Verbot von Sponsoring durch Tabak-, Alkohol- und Wettanbieter.
- Strenge Regulierung von Cannabis-Plattformen: Verschärfung des Heilmittelwerbegesetzes, keine Werbung für Bezugsquellen, verpflichtende Risikohinweise.
- Transparenz und Unabhängigkeit: Offenlegung finanzieller Verflechtungen zwischen Industrie und Politik, keine Sponsoringmöglichkeiten politischer Veranstaltungen.
- Wirksame Durchsetzung und Evaluation: Unabhängige Aufsicht, abgestufter Sanktionsrahmen, regelmäßiges Monitoring der gesundheitlichen Folgen.
- Stärkung des Hilfesystems: Ausbau von Prävention, Frühintervention und langfristiger Sicherung der Suchthilfe-Finanzierung nach dem Verursacherprinzip.
Warum Regulierung notwendig ist
- Jugend- und Verbraucherschutz: Das Belohnungssystem des Gehirns wird durch Werbung aktiviert, rationale Abwägungen umgangen – besonders bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen (Jernigan et al., 2017; WHO, 2020).
- Digitale Werbung & Influencer: Verstärkt Risikoverhalten durch Personalisierung und hohe Kontaktfrequenz.
- Soziale Marktwirtschaft: Marktversagen durch niedrige Preise und fehlende interne Kosten wird durch Steuern und Mindestpreise korrigiert.
- Kosten der Nicht-Behandlung: Unbehandelte Abhängigkeitserkrankungen kosten das 17-fache der Behandlung. Frühzeitige Versorgung ist daher auch ökonomisch zwingend (Bayerisches LGL, 2022).
Condrobs setzt sich in Bayern und deutschlandweit für Prävention, Frühintervention und unabhängige Suchthilfe ein. Wir unterstützen die Forderung nach evidenzbasierter Regulierung, um Jugendliche zu schützen, gesellschaftliche Kosten zu senken und die Gesundheit der Bevölkerung zu fördern.
Werbeverbote und Steuererhöhungen sind keine Bevormundung, sondern notwendige Schutzmaßnahmen.
Die Stellungnahme im Original (pdf):