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5. Condrobs Frauen*salon digital am 25.03.2021

Die DISKUSSIONSRUNDE aus dem Harry klein:

Weltstadt mit Herz? Offenheit und Ausgrenzung in München

Eindrücklich und sehr persönlich diskutieren fünf Frauen* verschiedener Herkunft und Geschlechtsidentität im 5. Condrobs-Frauen*salon im Münchner Club Harry Klein über ihre Erfahrungen in der „Weltstadt mit Herz“, ebenso wie Visionen für ein selbstverständlich buntes, plurales, gleichberechtigtes und noch demokratischeres München.

Künstlerisch begleitet wird die Runde von zwei tief beeindruckenden Poetry-Slam-Beiträgen von Elisabeth Schwachulla, die sich mit leisen Tönen stark macht gegen Frauen*feindlichkeit und die vermeindliche „Schwäche“ der Frau*.

Eine Salon-Stunde, die Augen öffnet, Vorurteile abbaut, Brücken baut. Es lohnt sich, genau hinzuhören!

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Zur Begrüßung erinnert Katrin Bahr, Condrobs-Bereichs-Geschäftsführerin Angebote für Frauen* und Männer* in München, daran, dass München politisch sehr viel für eine aufgeklärte Gesellschaft tut, um Integration und Inklusion aller zu erreichen. Um kritisch zu hinterfragen, wo wir hier wirklich stehen, müssen wir mit den mit Frauen* sprechen: Wie geht es Frauen of color, verschiedener Herkunft und Geschlechtsidentität in München?

BR-Moderatorin Özlem Sarikaya führt einfühlsam durch den Abend mit Ambang Effion Jack, Irene Birungi, Tessa Ganserer und Sophia Berthuet.

Ambang Effion Jack, Lehrerin für Englisch und kritisches Denken, lebt seit einem Jahr mit ihrer Tochter in München. Die Nigerianerin hat zwei Seiten in München erlebt: Auf der einen Seite wurde sie herzlich empfangen. Auf der anderen Seite berichtet sie von zahlreichen Situationen, in denen sie Alltagsdiskriminierung erleben musste. „Das sind Momente, in denen ich glaube, ich kann es nicht ertragen. All das müssen wir erleben wegen unserer Hautfarbe.“

Ihr Ziel ist es, ihrer Tochter die Stärke zu geben, an sich zu glauben:

„Du musst Dich selbst lieben und schätzen, auch wenn andere Menschen das nicht tun. Du darfst nicht beginnen zu glauben, dass Du tiefer stehst, nein, Du bist ein Mensch. Wir sind alle gleich.“

Ambang Effion Jack sieht es aber auch als gemeinsame Aufgabe, Rassismus zu bekämpfen und Diskriminierung immer wieder zu benennen:

„Wir müssen weiter darüber sprechen, damit Rassismus endlich aufhört. Ich darf nicht aufgeben. Ich werde nicht aufgeben.“

Auch Irene Birungi, Sozialarbeiterin aus Uganda, erlebte viele negative Erfahrungen von Alltagsdiskriminierung als homosexuelle Farbige. Sie möchte und kann anderen Menschen aber auch dabei helfen, Resilienz aufzubauen: „Als Sozialarbeiterin habe ich Erfahrung im Empowerment: Wir müssen die Welt mit anderen Augen sehen!“

„Positives Denken kann die Welt erobern! Wir müssen lernen, uns darauf zu konzentrieren, was wir wollen, nicht was mit uns passiert.“

Irene Birungi strahlt eine beeindruckende Kraft aus:

„Die Welt hält viele Herausforderungen für uns bereit. Nur was mich stärkt, lasse ich an mich heran. Ich muss Resilienz, Widerstandskraft aufbauen. Sonst zerstört es mich.“

Tessa Ganserer, MdL Bündnis 90/Die Grünen und queerpolitische Sprecherin, berichtet, dass auch Menschen Diskriminierung erfahren, deren Geschlechtsidentität “sichtbar“ wie die Hautfarbe ist. Eine von den Grünen in Auftrag gegebene Studie zeigt, dass jede*r zweite Lesben, Schwule, Bi-, Trans- und Intersexuelle mit Ausgrenzung, Diskriminierung und mit Gewalt konfrontiert ist, knapp 42% sind beschimpft, beleidigt oder lächerlich gemacht und ein Fünftel von ihnen ist sexuell belästigt worden1. Das reicht von blöden Sprüchen auf offener Straße, über Menschen in der eigenen Familie oder im Freundeskreis, die sich nach dem persönlichen Outing abwenden, bin hin zu Mobbing und Diskriminierung am Arbeitsplatz. Neben der Alltagsdiskriminierung von Mensch zu Mensch klagt Tessa Ganserer aber auch strukturelle Diskriminierung, also fehlende Gleichstellung im Krankenkassenbereich und Rechtssystem an.

„Wir können nichts für unsere Hautfarbe oder Geschlechtsidentität! Wir müssen hart kämpfen, damit der Staat uns so akzeptiert, wie wir sind.“

Zwischen Akzeptanz und Toleranz liegen noch immer Welten, so Ganserer: Sie habe nach ihrem Coming out viel Toleranz empfangen. Aber für Akzeptanz, für echte Gleichstellung müssen Betroffene weiter hart kämpfen. Um Gleichstellung zu erreichen, ist Unterstützung der Gesellschaft nötig: Echte Akzeptanz bedeutet, sich auch für Belange anderer einzusetzen, betont Ganserer.

„Der Begriff ‘Rasse‘ in Artikel 3 des Grundgesetzes muss gestrichen werden. Es ist ein falscher Begriff, wenn wir Menschen meinen.“

Dr. Sophia Berthuet, Condrobs-Abteilungsleiterin Arbeit mit Frauen*, berichtet aus ihrer Arbeit: “Wer oft Alltagsrassismus ausgesetzt ist und dennoch selbstbestimmt leben möchte, braucht ein dickes Fell.“ Menschen, die der „Norm“ in Aussehen oder auch in der Beherrschung des Deutschen nicht entsprechen, erleben Alltagsrassismus, der zermürbend ist in seiner Kontinuität: im bürokratischen wie im medizinischen System, bei der Wohnungssuche, im öffentlichen Raum wie zum Beispiel im MVV. Es sind die vielen kleinen Gesten des Nicht-Willkommen-Seins, die zermürben.

„Unser hochschwelliges bürokratisches System macht Bittsteller aus Menschen mit Migrationsintergrund.“

Sophia Berthuet fordert: In den Asylverfahren muss den Menschen mehr Glaube geschenkt werden und mehr Zeit gegeben werden:

„Der Rechtsstaat darf nicht nur für Menschen gelten, die sich einen Anwalt leisten können!“

Der 5. Condrobs Frauen*salon: Ein unvergesslicher Abend, der den persönlichen und gesellschaftlichen Blick weitet, zur Stärkung einer vielfältigen und solidarischen Stadtgesellschaft und zu einem selbstverständlich bunten, pluralen und gleichberechtigtem München beiträgt.

Teilen Sie die Botschaft und das Video [3]! Vielen Dank.

1 Queeres Leben in Bayern 2020, Bündnis90/Die Grünen in Kooperation mit der Hochschule Landshut, Mai 2020

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