„Musik lässt mich fliegen, wenn ich fall“

Junge Geflüchtete rappen über Abgründe und Hoffnungsschimmer

Wer Fluchtgeschichten hört, versteht Geflüchtete. Seyed und Jawad kamen als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Bayreuth. Heute erzählen sie uns gemeinsam mit ihren Freunden als Neue Heimat Allstars ihre Geschichten mit Reimen und Beats.
 
Rap ist ein Sprachrohr. Entstanden in den stark benachteiligten Stadtteilen New Yorks in den 1970er-Jahren war Rap ein Mittel, die eigene Frustration auszudrücken, Statements zu setzen oder auch einfach mit Spaß am Wort und Musik ein Gemeinschaftsgefühl zu schaffen. Heute ist es wohl die meistgehörte Musikrichtung unter Jugendlichen – auch in Deutschland.
 
So haben junge Geflüchtete in Bayreuth ebenfalls Rap als Sprachrohr für sich entdeckt. In ihren Texten spiegelt sich die oft dramatische Vergangenheit von Verfolgung, Flucht und Ankommen. Die Heimat ist da ein häufiges Thema: Was sie zurücklassen mussten,  die Familie, die Mutter zuhause, Konflikte und Kriege. Auch die neue Heimat kommt aber vor. Es geht um kulturelle Unterschiede mit den oft noch fremden Gewohnheiten und die Stellung der jungen Geflüchteten in Deutschland. Die afghanischen Jugendlichen Seyed und Jawad machen also Rap in seiner ursprünglichen Form: In jeder berührenden persönlichen Geschichte spiegelt sich die gesellschaftliche und politische Realität. Aber wie kam es dazu, dass junge Geflüchtete in Bayreuth ihre Messages mit Beat und Mikrofon ausdrücken?
 
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„Für die meisten war Rap in der Heimat verboten“
 
Hier kommt Zac, ein MC der bayreuther Rap-Gruppe Higher Market Sounds, ins Spiel. Wenn Michael Sack, so Zacs bürgerlicher Name, gerade nicht auf Bühnen oder in Tonstudios ist, arbeitet  er unter anderem in verschiedenen Hilfsangeboten für Condrobs e.V. in Bayreuth. Michael war dabei, als im Jahr 2015 und 2016 zahlreiche unbegleitete minderjährige Geflüchtete auch in Bayern Schutz suchten –Seyed und Jawad fanden diesen zum Beispiel in Bayreuth. Schnell wurde Michael für die Beiden zur Bezugsperson, und so war der erste Gang ins Tonstudio nur eine Frage der Zeit. Zusammen mit Steffen Riess, Künstlername Superphad, gab Michael den Beiden und noch weiteren Jungs ihren ersten Rap-Crashkurs: Wie fließt der Text am besten im Rhythmus, wo sollte sich etwas reimen, wie setze ich meine Stimme ein?
 
Dabei war Rap als Ausdrucksform zu Anfang alles andere als naheliegend. „Manche Jugendliche begannen erst in Deutschland Rap zu hören oder lernten die Musik auf der Flucht kennen“, erklärt Michael. „Für die meisten war Rap in der Heimat verboten.“ Umso positiver überrascht war Michael, als er sah, mit wie viel Herzblut die Jungs ans Texten gingen. „Es war nicht schwierig, sie dazu zu bringen. Die Motivation kam von ihnen selbst. Schön ist, dass die Jungs Rap wirklich als Sprachrohr wahrnehmen.“
 
Selbstvertrauen und Selbstwert
 
Natürlich blieb das künstlerische Engagement der jungen Geflüchteten nicht unbemerkt. Plötzlich durften sie bei Veranstaltungen in Bayreuth Bühnenerfahrung sammeln und das ansteigende Medienecho half beim Verbreiten ihrer Botschaft. Dank Stiftungsgeldern konnte weitere Technik fürs Tonstudio angeschafft werden und die jährliche hauseigene Puerto Session in Kooperation mit dem Iwalewahaus Bayreuth zieht nun schon seit 2017 ein enthusiastisches Publikum an. Das hilft den jungen Geflüchteten natürlich – es schafft Selbstvertrauen und Selbstwert, das Gefühl von Akzeptanz und Interesse an ihrer Geschichte. Aber Michael Sack weiß: Für die Jungs ist Rap mehr als das. „Das Schreiben und Aufnehmen hatte auch immer einen stabilisierenden – man könnte sogar sagen – einen therapeutischen Wert“, erklärt der ehemalige Mentor heute. Verarbeitung und Bewältigung durch Kunst also!

(Bild: Puerto Session im Iwalewahaus, 2019. (c) Higher Market Sounds)
 
„Respekt ist wie ein Spiegel“
 
Als das Kollektiv mit dem vielsagenden Namen Neue Heimat Allstars präsentieren die Bayreuther Geflüchteten nun ihr erstes Musikvideo. Der Song „Einer für alle, Alle Vereint“ widerspiegelt die Zwiespältigkeit ihres Lebens als junge Asylwerber. Sie berichten von der Einsamkeit und Perspektivlosigkeit, vom Schock und der Trauer über die Abschiebung von Freunden, auch von Abwegen in Kleinkriminalität und Konsum, die solche Erfahrungen mit sich bringen. Demgegenüber stehen die Hoffnung und das Wissen über die eigenen Stärken. „Die Musik lässt mich fliegen, wenn ich fall‘“, heißt es da etwa über die therapeutische Wirkung des Songschreibens. Ihr neues Selbstwertgefühl speist sich aus Respekt. Respekt, den man für sich selbst empfinden lernt, und den festen Glauben, dass man zurückbekommt, was man gibt: „Eine wichtige Regel: Respekt ist wie ein Spiegel / Was du sagst, was du gibst, das bekommst du auch wieder.“

Videopremiere!
 
Die Neue Heimat Allstars bieten Einblicke in eine Lebens- und Gedankenwelt stellvertretend für unzählige junge Menschen, die in Deutschland eine neue Heimat suchen. Reinhören lohnt sich!