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Versorgt auch ohne Versicherung

Über ein Jahr Clearingstelle Gesundheit

Menschen ohne Krankenversicherung haben seit über einem Jahr mit der Clearingstelle Gesundheit in München-Schwabing eine Anlaufstelle. Dass ein großer Bedarf besteht, zeigen die aktuellen Statistiken. Klar wird durch die Zahlen aber auch: das Projekt ist ein Erfolg.

München, 17. Mai 2021 – Wer krank ist, geht zum Arzt. Krankenkassenkärtchen durch das Lesegerät gezogen, fertig. Ohne Angst vor einer anschließenden hohen Rechnung. Ohne Furcht, einer Behörde gemeldet zu werden. Ohne Panik, das Wenige, das man hat, zu verlieren. Ganz einfach ohne Probleme.

Was für die meisten Menschen in Deutschland vollkommen normal ist – eine funktionierende Gesundheitsversorgung -, stellt allein in Bayern für über 1.000 Personen eine fast unüberwindbare Hürde dar. Seit nunmehr über einem Jahr bietet sich Betroffenen jedoch die Möglichkeit, sich an die Clearingstelle Gesundheit zu wenden. Die durch das Sozialreferat der Stadt München finanzierte Einrichtung in der Konradstraße 2 bietet Menschen ohne Krankenversicherung oder ungeklärtem Versicherungsstatus Beratung und Hilfe an.

Gesundheitsfonds der Landeshauptstadt

Sozialreferentin Dorothee Schiwy: „Gerade dieses Pandemiejahr hat gezeigt, wie unabdingbar es ist, dass wir uns auch um die Menschen in unserer Stadt kümmern, die sich in einer gesundheitlichen Notlage befinden und keinen Versicherungsschutz haben. Die Betroffenen können sich in der Clearingstelle beraten lassen, und – was ja noch viel wichtiger ist – dann auch eine medizinische Behandlung bekommen. Die Landeshauptstadt München hat für die Betroffenen einen Gesundheitsfonds über jährlich 500.000 Euro bereitgestellt.“
Voraussetzungen für die Mittelauszahlung sind, dass die Clearingstelle eingebunden ist, die Notwendigkeit der Behandlung medizinisch festgestellt wurde und keine alternativen Finanzierungsmöglichkeiten bestehen.

Furcht vor den Folgen

Die Klientel ist dabei ziemlich heterogen. EU-Bürger*innen ohne feste Arbeit und mit fehlendem Anspruch auf Sozialleistungen stellen dabei die größte Gruppe dar. Wegen der Freizügigkeit innerhalb der EU mögen sie zwar nicht von Abschiebung bedroht sein, das Fehlen einer sozialversicherungspflichtigen Arbeitsstelle manövriert sie jedoch in eine prekäre Situation. Aus schierem Geldmangel wird notwendige medizinische Hilfe nicht in Anspruch genommen.
Fehlende finanzielle Möglichkeiten sind nur ein Grund, der Staatsbürger*innen aus Drittstaaten davon abhält, den Arzt aufzusuchen. Durch den oft ungeklärten Aufenthaltsstatus sehen sie sich einem enormen Risiko ausgesetzt. Die Inanspruchnahme medizinischer Versorgung kann für sie nämlich weitreichende rechtliche Konsequenzen bis hin zur Ausweisung nach sich ziehen.

Zu den Mitbetroffenen gehören leider auch immer Kinder. „Eltern können sich beispielsweise die Impfung ihrer Kinder nicht leisten“, schildert Dr. Sophia Berthuet, Abteilungsleitung Arbeit mit Frauen* und Geflüchteten bei Condrobs, das Problem. „Die Folgen fehlender ärztlicher Hilfe können gravierende Folgen haben. Gerade bei Kindern sind die Konsequenzen nicht selten dramatisch“, so Dr. Berthuet. „Die Clearingstelle leistet einen Beitrag, den Zugang zu gesundheitlicher Versorgung für alle in München lebenden Bürger*innen zu verankern und gewährleisten und sich nicht allein auf die Arbeit von ehrenamtlichen Ärzt*innen zu verlassen.“

Hohe Rückführungsquote in Krankenversicherung

Das auf erst einmal drei Jahre ausgelegte Projekt stellt für viele Menschen einen Rettungsanker dar, nach dem sie in einer Notsituation greifen können. Innerhalb des einjährigen Bestehens wurde 366 Klient*innen geholfen, davon 214 durch Clearing und 152 mit einer Kurzberatung. Bemerkenswerte 45% der abgeschlossenen Fälle mündeten in einer Rückführung in die Krankenversicherung. „Hinter diesen Zahlen stehen ja Menschen“, so Robert Limmer, Leiter der Clearingstelle Gesundheit. „Und mit jeder Beratung, mit jeder finanzierten Behandlung, mit jedem Clearing haben wir das Leben von mindestens einem Menschen wieder lebenswerter gemacht.“

Präsent sein ist wichtig

Viele der Clearingverfahren kamen auch erst durch aufsuchende Arbeit zustande. Robert Limmer gibt einen Einblick: „Viele Menschen erreichen wir in Unterkünften für Obdachlose auf der Straße, im öffentlichen Raum oder in Krankenhäusern. Die wenigsten wissen, dass es uns gibt oder schaffen den Weg nicht zu uns.“ Lösungswege nicht nur anzubieten, sondern die Menschen auch auf diese Wege zu führen und zu begleiten, ist eine der zentralen Aufgaben der Clearingstelle: „Präsenz ist wichtig, gerade da, wo sich mittellose Menschen aufhalten! Wir sind vor Ort, sprechen an und sind ansprechbar.“ Seit dem Start des Projekts im Mai 2020 bis Ende April 2021 wurden 33 % des Gesamtfonds aufgewendet, um rund 130 Behandlungen finanzieren zu können. Der Bedarf ist hoch, nicht nur bei der mittellosen Klientel. Auch ehemalige Selbstständige, die ihre Beiträge nicht mehr zahlen können, sind vermehrt auf Beistand angewiesen.

Die Pandemie hat die Situation verschärft. „Aber wir sehen auch“, so Robert Limmer, „dass es uns nicht nur in der Krise braucht. Unser Angebot richtet sich an Menschen, die Unterstützung dringend benötigen. Und die können wir auch künftig nicht einfach ihrem Schicksal überlassen.“

Aktuelle Zahlen zur Clearingstelle: