„Man muss trinken und trotzdem funktionieren“

Warum Sucht und Gastronomie oft einher gehen

Randvolle Schichtpläne, unregelmäßige Arbeitszeiten und die ständige Versuchung, noch einen Schluck mitzutrinken: Gastronomie und Konsum sind oft verwandt. Für viele wird die Gewohnheit schnell zur Sucht.
 
Garmisch-Partenkirchen, 14.07.2020 –  Julia Kinner ist Sozialtherapeutin in der Garmischer Suchtberatung von Condrobs. Im Touristenmagneten Garmisch-Partenkirchen dreht sich vieles um Gastronomie und Nachtleben. So kommt ihr Klientel auch vielfach aus dem Gastro-Bereich. Sie weiß: „Ich glaube, in Deutschland können wir mit Alkoholkonsum oft nicht so gut umgehen, wie wir meinen. Im Service bist du ständig an der Quelle. Man erwartet von dir, dass du mitfeierst, mittrinkst, immer gute Laune hast.  Gleichzeitig musst du deinen Knochenjob machen. Man muss trinken und trotzdem funktionieren.“ Viele, die in Condrobs Suchtberatungsstellen Hilfe suchen, blicken auf eine langjährige Gastro-Laufbahn zurück. Sie wissen, dass das Umfeld ihnen schadet. „Wenn aber der Job und das Trinkgeld den Lebensunterhalt sichern und Alternativen fehlen, finden sich viele in einer Sackgasse“, erzählt Kinner weiter.
 
Funktionieren müssen um jeden Preis
 
Es sind nicht nur das Mitfeiern und -trinken, das Gastro-Mitarbeiter*innen der Suchtgefahr aussetzen. Harte körperliche Arbeit, dazu über Stunden auch vor schwieriger Kundschaft ein freundliches Lächeln bewahren müssen und bis spät in die Nacht nicht nachlassen: „Schnelle Drogen wie Kokain, Extasy oder Amphetamine sind in der Szene auf jeden Fall ein Thema. Auch zum Feiern und damit man die geforderte Leistung erbringen kann,“ weiß man bei Condrobs.
 
 
Suchthilfe in Corona-Zeiten
 
Als Bars, Cafés und Restaurants zu Beginn der Coronakrise geschlossen wurden, waren Service-Mitarbeiter*innen plötzlich ohne Beschäftigung. „Arbeit bringt neben dem Lebensunterhalt auch Selbstwert und Struktur. Wenn eine Sucht schon ausgeprägt ist und die Arbeit wegfällt, kann das schwere Folgen haben“, erklärt Kinner. Viele, so die Sozialtherapeutin, hätten ihren Konsum gesteigert. „Es gab aber auch ganz andere Entwicklungen. Manche haben es geschafft, die Zeit anders zu nutzen – zum Wandern, Bergsteigen oder der allgemeinen Neuentdeckung oder Wiederaufnahme vernachlässigter Hobbys, für die bis dato, auch aufgrund voller Dienstpläne, nur wenig Zeit und Energie zur Verfügung stand.“ Die Krise war für manche Suchtkranke also auch ein Weg, einem Teufelskreis zu entkommen. Langsam laufen alle Betriebe, auch im Gast- und Tourismusgewerbe unter neuen Bedingungen wieder an. Und mit ihnen auch Selbsthilfegruppen und Einzelgespräche im Rahmen der ambulanten Therapien bei Condrobs.
 
Sucht: Kein Thema einer Randgruppe
 
„Wenn man selbst nicht betroffen oder angehörig  ist, setzt man sich aus verschiedenen Gründen  nicht gern mit suchtkranken Menschen auseinander“, meint Julia Kinner. Unverständnis, die Sorge sich auf falsche Art einzumischen, vielleicht sogar Scham sind an dieser Stelle nur einige Berührungsängste. Sobald der Konsum in eine gefühlt sozialunverträgliche oder auffällige Richtung kippt, entsteht oft Isolation und Marginalisierung. Nicht selten folgt Diskriminierung. In der Garmischer Suchthilfe sieht Kinner: „In vielen Systemen, nicht zuletzt in der Gastronomie- und Tourismusbranche, nimmt man den Konsum und auch eine Abhängigkeit weitgehend in Kauf, solange der Mensch funktioniert.“ Natürlich gebe es auch Arbeitgeber, die viel in Richtung der Mitarbeiterfürsorge unternehmen und verständnisvoll und unterstützend agieren. Was Gastronomie und Hotellerie aber in der Suchthilfe immer besonders mache sei, dass Menschen, die eigentlich abstinent bleiben wollen, ständig mit Alkohol konfrontiert seien. Daher stehen bei Condrobs für Betriebe aus der Hotellerie und Tourismusbranche besondere betriebliche Suchtpräventionsangebote zur Verfügung.

„Wir dürfen Suchtkranke nicht an den Rand der Gesellschaft drängen. Ich glaube, wir befassen uns ungern mit Sucht, weil wir wissen, dass es jeden treffen kann. Darum ist es uns bei Condrobs auch wichtig, dass alle die Hilfe bekommen, die sie gerade brauchen,“ schließt Julia Kinner.

 
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