Migration und Sucht

Erfahrungen aus der Versorgung suchtmittelkonsumierender geflüchteter Menschen.

Dieser Artikel ist auf der Webseite von Psychologie-Aktuell zu finden. Er stellt die letzte Ausgabe von rausch, der Wiener Zeitschrift für Suchttherapie, vor.

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Etwa 1,5 Millionen Flüchtlinge leben derzeit in Deutschland, der Großteil von ihnen stammt aus Syrien, Afghanistan, Irak, Iran und Eritrea. Viele von ihnen sind traumatisiert, entwickeln psychische Störungen. Das Thema Sucht ist dabei fast allgegenwärtig. Eva Egartner und Beate Zornig-Jelen haben ihre Erfahrungen zum Thema suchtmittelkonsumierende Flüchtlinge in „rausch. Wiener Zeitschrift für Suchttherapie“, Ausgabe 2.2019, zusammengefasst.

Fluchtursachen sind vielfältig, doch in dem meisten Fällen haben die Geflüchteten viel Leid erleben und sehen müssen – die Rate an traumatisierten Schutzsuchenden ist dementsprechend hoch. Schätzungen gehen von 30 bis 60 Prozent aus. Hinzu kommt die oftmals ebenfalls schwierige Lage in Deutschland: Die meisten können nicht sicher sein, ob sie bleiben dürfen, ein Großteil bangt um zurückgebliebene Familienmitglieder und – nicht zu unterschätzen: Viele Flüchtlinge haben keine Arbeitserlaubnis und sind zum Nichtstun verdammt. All diese und noch viele weitere Gründe führen auf direktem Wege in einen kritischen Substanzmittelkonsum.

Jugendliche Geflüchtete

Etwa ein Drittel aller Flüchtlinge sind Kinder und Jugendliche, ein nicht unerheblicher Teil von ihnen unbegleitet. Jeder Dritte dieser Gruppe hat am Anfang des Aufenthalts im fremden Land bereits einen starken Alkohol- oder Cannabiskonsum zu verzeichnen. Sprachbarrieren, Unsicherheit, die Integration in ein fremdes Normen- und Wertesystem – all dies kommt zu den „normalen“ Entwicklungsaufgaben der Jugendlichen hinzu und verstärkt in vielen Fällen die Negativspirale noch weiter. Die Autorinnen stellen fest, dass aber, sobald Integration und Teilhabe zunehmen, der Konsum wieder deutlich sinkt.

Erwachsene Geflüchtete

Auch unter den erwachsenen Flüchtlingen ist bereits ein Drittel am Anfang ihres Aufenthalts starker Konsument von Alkohol, Cannabis und Opiaten. Während des Aufenthalts verstärken sich die Suchtmittelgefährdungen sogar noch. In den Einrichtungen fehlt es ihnen an Privatsphäre und Ruhe, dementsprechend kommt es bei vielen zu Schlafstörungen, auf die wiederum mit „Selbstmedikation“ reagiert wird. Langeweile, mangelnde Möglichkeiten zur Teilhabe, Schwierigkeiten mit dem Familiennachzug erhöhen außerdem die Resignation und Perspektivlosigkeit und verschlimmern die Probleme weiter.

Lösungsansätze

Suchtkranken Flüchtlingen kann in Beratungen und Rehabilitationseinrichtungen der Suchthilfe geholfen werden. Bei geklärtem Aufenthaltsstatus und ausreichenden Deutschkenntnissen können Maßnahmen der Suchthilfe problemlos in Anspruch genommen werden. Die Autorinnen zeigen, dass sogar der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund, die eine ambulante Rehabilitation erfolgreich beenden, höher ist als der von Menschen ohne Migrationshintergrund. Suchthilfe kann dann besonders erfolgreich sein, wenn kultursensibel gearbeitet wird – dazu müssen allerdings auch die Fachkräfte gut ausgebildet und begleitet werden.

Intensive Reflexionen und praktische Erfahrungen mit der transkulturellen Suchthilfe haben Martina Schu, Miriam Martin und Dietmar Czycholl in einem Handbuch zusammengefasst. Es enthält konkrete Handlungsempfehlungen, Praxisbeispiele und Arbeitsmaterialien. Es behält auch die Psychohygiene der Therapierenden und SozialarbeiterInnen im Blick – etwa mit den Empfehlungen für ein Teamtagebuch zur Selbstreflexion oder für ein Diversitytraining.

Literatur (u.a.):

Eva Egartner und Beate Zornig-Jelen: Migration und Sucht. Erfahrungen aus der Versorgung suchtmittelkonsumierender geflüchteter Menschen.
In: rausch. Wiener Zeitschrift für Suchttherapie, Ausgabe 2.19. Pabst

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