Jugendhilfe Aktuell

Positive Impulse beim Condrobs-Fachtag Jugend 2019

Rund 150 Teilnehmer*innen fanden sich beim diesjährigen Fachtag „Jugendhilfe aktuell“ von Condrobs in der Israelitischen Kultusgemeinde in München ein. Große Einigkeit bestand unter den Vertreter*innen der Jugendämter, der medizinischen und psychologischen stationären Versorgung für Kinder und Jugendliche sowie der freien Jugendhilfeträger darin, dass der Erfolg der Jugendhilfe entscheidend von der Kooperation zwischen allen Akteuren abhängt. Genau dazu leistete der Condrobs Fachtag einen wertvollen Beitrag: Vorträge zu aktuellen Forschungsergebnissen und Entwicklungen in unserer Gesellschaft gaben neue Impulse, um im Dialog aller Akteure die Hilfebedingungen für Kinder, Jugendliche und Familien zu verbessern und aktuellen Herausforderungen anzupassen.
 
Frederik Kronthaler, Geschäftsführer Angebote für Jugendliche und junge Erwachsene, betonte, dass die Wahl des Tagungsorts und der freundliche Empfang in der Israelitischen Kultusgemeinde ein Statement für Toleranz und Miteinander seien. „Rechte Populisten dürften in München kein Klima der Angst verbreiten, denn wir sind alle Münchner und Münchnerinnen," betont er in seiner Begrüßung.

„Wir feiern bei unseren Angeboten für Jugendliche gerade einige Jubiläen. Inizio wird 40, die Inizio Nachsorge 30 und auch easyContact gibt es jetzt schon seit 20 Jahren“, freut sich Kronthaler. Diese Jubiläen nahm sich Condrobs zum Anlass, sich am Fachtag mit aktuellen Lebensentwürfen, Lebensbedingungen und Wirkmechanismen in der Kinder- und Jugendhilfe auseinanderzusetzen. Jugendhilfe dürfe nie stillstehen und müsse sich ständig weiterentwickeln, um Eltern und Kinder in unserer Gesellschaft bestmöglich zu unterstützen.
 
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Jugendkriminalität: Positive Trends und neue Herausforderungen

 
Im einleitenden Impulsvortrag klärte Prof. Dr. Christian Pfeiffer, ehemaliger Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen e. V., über die oft falsch dargestellte Entwicklung von Gewalt in Deutschland auf: In Korrelation mit der zunehmend gewaltfreien Erziehung, die in Deutschland auch gesetzlich verankert wurde, nahm die Zahl schwerer Gewaltverbrechen seit 1945 von Generation zu Generation kontinuierlich um insgesamt 90% ab. Er widerlegte damit empirisch die oft im Raum stehende Behauptung, dass Sexualgewalt und Jugendkriminalität anstiegen. Pfeiffer warnte gleichzeitig vor medialer Darstellung von Gewalt: Auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nehme diese einen zu großen Raum ein. In jeder Kultur seien 14 bis 21-jährige Männer für rund 50% der verübten Gewalttaten verantwortlich. Eine Gefahr sieht Pfeiffer dabei in der virtuellen Welt der Computerspiele. Diese „Männerkampfwelten“ würden, so seine empirischen Befunde, mehrheitlich von Jungen aufgesucht. Seine These: „Wer arm im Leben ist, möchte reich in der virtuellen Welt sein.“ Doch Pfeiffer zeigte sich überzeugt, dass auch die neuen Herausforderungen mit Geduld und Hartnäckigkeit zu bewältigen seien. Als positives Beispiel nannte Pfeiffer das neuseeländische Schulsystem, das in der PISA-Studie einen führenden Rang belegt: Aufgabe der Schule ist es dort, Kinder ins Leben zu führen, statt nur Wissen zu vermitteln.
 
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Mitdenken, Mitreden, Mitverantworten: Das IKEA-Prinzip in der Jugendhilfe

 
Einer zentralen Frage in der Jugendhilfe widmete sich Monika Feist-Ortmanns vom Institut für Kinder- und Jugendhilfe gGmbH: „Was bewirkt unsere Arbeit in der Jugendhilfe? Mit welchen Mitteln können wir die maximale Wirkung erzielen, um unseren Klient*innen bestmöglich zu helfen?“ Dazu stellte sie „evas“ vor, eine Plattform zur Evaluation und Steuerung der Jugendhilfe. Natürlich ist Jugendhilfe moralisch gesehen absolut notwendig, doch Feist-Ortmanns resumiert auch: „Jugendhilfe rechnet sich!" Der ökonomische Nutzen durch Erwerbstätigkeit, geringere Gesundheitskosten und geringere Delinquenz der Klient*innen bringe pro investiertem Euro drei Euro bei stationären Hilfen. Bei ambulanten Hilfen schlage der volkswirtschaftliche Nutzen sogar mit sechs Euro zu Buche. Maßnahmen ab 18 Monaten zeigten eine deutlich höhere Wirkung: „Vereinfacht gesagt: Kurze Maßnahmen sind Geldverschwendung.“ Feist-Ortmanns betonte außerdem, dass bei Hilfemaßnahmen mit hoher Partizipation die Wirkung größer ist als bei solchen ohne Partizipation. Warum die Partizipation der Klient*innen so entscheidend für ihre Wirkung ist, illustrierte sie mit dem „IKEA-Effekt“: Menschen zeigten eine höhere Identifikation und Wertschätzung eines Prozesses oder Ziels, wenn sie daran aktiv beteiligt waren. Ziel in der Jugendhilfe müsse daher sein: „Mitdenken, Mitreden und Mitverantworten!“ Das könne beispielsweise durch eine partizipative Hilfeplanung auf Augenhöhe alle sechs Monate realisiert werden. Im Dialog mit den Fachtags-Teilnehmer*innen bestand Einigkeit darin, dass durch eine engere Zusammenarbeit aller Akteure der Jugendhilfe das Ziel der bestmöglichen Partizipation der Klient*innen realisierbar sei.
 
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Hohe Anforderungen und zu wenige Plätze in der stationären Behandlung

 
In seinem Vortrag „Herausforderungen und Angebote nach der stationären kinder- und jugendpsychiatrischen Behandlung“ machte auch Prof. Dr. Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universität München, auf die Notwendigkeit der Kooperation im Netzwerk des Hilfesystems aufmerksam: Die Patient*innen, die aus seiner Station entlassen würden, bräuchten zu 70% psychotherapeutische Weiterbehandlung, in über 40% würden familienersetzende Maßnahmen empfohlen. Fast die Hälfte davon könnten aber aufgrund von Verzögerungen bei Hilfeplangesprächen oder wegen fehlender Plätze in geeigneten Einrichtungen nicht umgesetzt werden. Dr. Schulte-Körne zeigte sich alarmiert davon, dass die frühzeitige Entlassung ins oft überforderte familiäre Umfeld sehr oft dazu führe, dass erreichte Therapieziele nicht umgesetzt werden können. Wenn die jungen Klient*innen, die dringend weitere Unterstützung im Alltag benötigten, erst wieder im belasteten familiären Umfeld ohne Unterstützung wären, sei es ungleich schwerer, sie zur Partizipation zu motivieren.
Dr. Schulte-Körne beobachtet eine Zunahme schwerer Verläufe: „Oft waren unsere jungen Patient*innen bereits über Monate nicht in die Schule gegangen. Wir sehen immer häufiger massiven Medienkonsum, bis zu acht Stunden täglich sind keine Seltenheit mehr. Die Beschulung in unserer Klinik kann das nicht auffangen.“ Sein Plädoyer: Um auch solchen schwer belasteten Jugendlichen eine echte Perspektive zu bieten, müssten sie in geeigneten stationären Einrichtungen weiterbetreut werden, die neben der pädagogischen auch eine adäquate psychiatrische, psychotherapeutische  medikamentöse Versorgung zur Verfügung stellen. Die Wartezeit für die wenigen vorhandenen Plätze liege im Moment bei drei bis neun Monaten.
 
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Geistige Behinderung durch Alkohol in der Schwangerschaft

 
Im letzten Vortrag des Fachtags stellte Dr. med. Dipl.-psych. Mirjam N. Landgraf des Dr. von Haunerschen Kinderspitals des Klinikums der Universität München aktuelle Erkenntnisse ihrer Forschung zur Fetalen Alkoholspektrumstörung (FASD) vor. Sie betonte, dass FASD mit 2-5% die häufigste Ursache einer geistigen Behinderung in der westlichen Welt sei. Sie schilderte das Erscheinungsbild der Krankheit und die Auswirkungen der Gehirnfunktionsstörungen durch FASD. Ihre Forschung trägt dazu bei, Wissen, Diagnose und Behandlungs-Notwendigkeiten im Alltag bei FASD zu erweitern. Landgraf appellierte an die Zuhörer*innen, bei Verhaltensauffälligkeiten von Kindern FASD in Betracht zu ziehen. Wenn die Diagnose gestellt werde, helfe das Wissen über die Hirnschädigung den Betroffenen und dem Hilfesystem, indem es das Definieren realistischer Ziele und die Beantragung geeigneter Hilfen ermögliche. Auch mehr Prävention durch bessere Aufklärung über die Risiken von Alkoholkonsum in der Schwangerschaft sei dringend notwendig.
 
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Am Ende eines abwechslungsreichen, intensiven Fachtags war das einhellige Fazit des Fachtags Jugend: Um die Herausforderungen für die Jugendhilfe in Deutschland zu meistern, sind alle gefragt. Politik und Ämter müssen die Rahmenbedingungen ebenso kontinuierlich an die Bedarfe anpassen wie die Akteure im Hilfesystem.
Spontan lud die Israelitische Kultusgemeinde, vertreten durch Marian Offmann, die Teilnehmer*innen des Fachtags  zu einer Besichtigung der Synagoge ein. Über die Hälfte nahm daran auch gerne teil.