Substitution

Eine Perspektive fürs Leben

Substitutionstherapien helfen Menschen mit Medikamenten wie Methadon aus der Sucht. Condrobs setzt sich für die benachteiligte Randgruppe Substituierter ein.

STERNSTUNDE
Am Stand von Condrobs auf dem Münchner Corso Leopold geschieht eine Sternstunde für Katrin Bahr. Die heutige Bereichs-Geschäftsführerin hatte zehn Jahre zuvor bei Suprima Nachsorge substituierte Klient*innen auf ihrem langen, oft steinigen Weg zurück ins Leben begleitet. Auf einmal wirft ein Fremder Geld in die Spendenbüchse am Stand und bemerkt: „Ich war auch mal bei Suprima, deshalb hab ich‘s geschafft.“ Bahr braucht ein paar Augenblicke, bis sie den ehemaligen Klienten erkennt, der damals am Abgrund stand und heute offensichtlich mitten im Leben steht. Menschen wie ihm erfolgreich eine Brücke zurück ins Leben zu bauen, lohnt jede Mühe.

BEDARFSGERECHTE UNTERSTÜTZUNG
„In den verschiedenen Suprima-Einrichtungen begleiten wir cleane wie substituierte Klient*innen bei den Schritten, die sie sich selbst vornehmen“, erläutert Bahr. „Wir akzeptieren sie so, wie sie sind, ob mit Beikonsum oder ausstiegsorientiert. Teils sorgen wir erstmal auch nur fürs Überleben, stabilisieren. Im Laufe der Zeit entwickeln alle aber auch wieder Lebensziele. Vielen unserer Klient*innen können wir helfen, – wieder – in Ausbildung oder Arbeit zu kommen, sich mit der Familie oder Freund*innen auszusöhnen oder neue Freizeitaktivitäten zu entdecken.“

LEBEN MIT SUBSTITUTION
Substituierte haben mit zweierlei Problemen zu kämpfen, bedauert Bahr: „Es fehlt grundsätzlich an Akzeptanz und Wissen über Substitution in der Gesellschaft. Wir arbeiten daran, dass das besser wird. Denn es ist wichtig zu vermitteln, dass viele unserer substituierten Klient*innen arbeitsfähig sind und unauffällig mitten unter uns leben. Sie entsprechen in keinster Weise den Clichés von Abhängigen. Aber da Drogenabhängigkeit von psychischen und sozialen Problemen mitbedingt wird, brauchen Substituierte langfristig medizinische und psychosoziale Unterstützung.“

ZU WENIG SUBSTITUTIONSÄRZTE
„Das zweite Problem aber ist noch gravierender“, ergänzt Bahr: „Es gibt außerhalb der Städte viel zu wenig Substitutionspraxen. Unsere Klient*innen müssen zum Teil täglich sehr lange Wege auf sich nehmen, um beim Arzt ihre Dosis zu beziehen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen müssen so angepasst werden, dass es für sie wieder lohnenswert ist, substituierte Patient*innen zu versorgen. Hinzu kommt die drohende Überalterung substituierender Ärzt*innen: Substitution muss für junge Ärzt*innen eine lohnenswerte und sinnvolle Behandlungsform sein, und zwar koordiniert in einem funktionierenden Netzwerk an Hilfeangeboten für substituierte Klientel.“

FÜR ECHTE TEILHABE
Condrobs macht sich dafür stark, dass Gesellschaft und Politik auch substituierten Menschen eine echte Chance auf Teilhabe geben. Eva Egartner, Geschäftsführende Vorsitzende, betont: „Die Sichtweise auf Substitution muss sich verändern: So ist schon das Therapieziel der Opiatfreiheit bzw. Abstinenz durch Substitution oft nicht haltbar. Nur 4–5% der Substituierten erreichen eine stabile Abstinenz*. Deshalb ist es wichtig, Alternativen zu eröffnen, z.B. langfristige stabile Substitution und Arbeit. Um arbeiten zu können, müssen Substituierte mehr Möglichkeiten bekommen, ihr Substitut nicht jeden Tag abholen zu müssen, die sog. Take-Home-Regelung. Zudem brauchen wir langfristigere Beschäftigungsmöglichkeiten.“

* Quelle: PREMOS-Studie 2012