Die Auswirkungen der Krise auf die Jugendhilfe

Am 15. August 2021 nahmen die Taliban nach Abzug ausländischer Militärtruppen praktisch kampflos die afghanische Hauptstadt Kabul ein. Am 7. September gaben sie die Machtübernahme über das Land weltweit bekannt. Evakuierungsmaßnahmen von Diplomaten und einigen Taliban-kritischen Mitarbeitern, organisiert aus den jeweiligen Herkunftsländern, setzten ein. Tagelang wurde in deutschen Nachrichten und Sondersendungen darüber berichtet.

Mittlerweile ist es still um das Thema geworden. Die nächsten Themen haben Platz in den Nachrichtensendungen eingenommen. Afghanistan scheint vergessen zu sein.

Nicht in der Abteilung Integrationsprojekte von Condrobs e.V. Hier werden seit 2012 junge geflüchtete Menschen betreut. Unter anderem aus Afghanistan. Vor allem für sie sind die letzten Wochen schwierig. Die Heimat, der Krieg, die Menschenrechtsverletzungen sind längst nicht vergessen. Auch wenn Afghanistan fast 5000 Kilometer weit entfernt ist, so hat dies Auswirkungen auf das Hier und Jetzt des Jugendhilfealltags in Deutschland.

Sorgen und Hoffnung

Normalerweise geht es um zukunftsgerichtete Themen in der Jugendhilfe für junge Geflüchtete. Es geht um das Erlernen der deutschen Sprache, um Schule und Ausbildung und alles was zum Erwachsenwerden dazugehört. Aber das Thema junger Afghanen in unseren Wohngruppen ist aktuell nicht ihre Integration. Ihr Thema ist die alltägliche Angst und Trauer. Ein wesentlicher Bedarf ist also das Auffangen und Bearbeiten der Sorgen um Familie und Verwandte, die sich in Afghanistan aufhalten. Sie informieren sich über verschiedene Kanäle wie BBC, Al Jazeera und über soziale Netzwerke.

„Wir haben Jugendliche in unseren Wohngruppen, die in der Nacht kaum schlafen. Sie liegen stundenlang wach und suchen nach Informationen und Lebenszeichen von ihren Angehörigen auf Instagram, TikTok und Facebook.“

Sie fragen nach Unterstützung. Die meisten leiden unter der Situation, in Sicherheit zu sein, während ihre Familie und Freunde der unmittelbaren Gefahr in Afghanistan ausgesetzt sind. In dieser Situation versuchen die Condrobs-Mitarbeiter*innen, ihnen Halt zu geben und sie nach Kräften zu unterstützen.

Die Seele beruhigen

Das Chaos, die Gewalt und die Angst der afghanischen Bevölkerung, die vor allem in den sozialen Medien auf sie einprasseln, lassen die schlimmen Erlebnisse immer wieder hochkommen. Hinzu entwickelt sich eine enorme Trauer um die Situation in ihrem Land.

„Es fühlt sich an wie eine weitere Krise der Retraumatisierung, die mit jedem neuen Feed aktualisiert wird.“

Der Jugendhilfealltag, der sich eigentlich um die Gestaltung von Lebensperspektiven drehen soll, wird überschattet. Aus dieser Verzweiflung wächst  Aktivismus – es muss irgendwas gemacht werden. Die Angst um die Familie wird über eigene Ziele und Bedürfnisse gestellt. Klienten schlafen nicht mehr, gehen nicht mehr zur Schule oder zur Ausbildung. Die Schule abzubrechen, um schnell Geld zu verdienen, ist nun die einzig sinnvoll erscheinende Lösung für manche. Hier ist eine funktionierende Jugendhilfe, wie Condrobs sie bietet, eminent wichtig. Die Gedankengänge werden auf die Zukunft gerichtet, es werden gemeinsam Strategien entwickelt, die es den jungen Menschen ermöglichen, mit den Erlebnissen umgehen zu lernen. Vor allem aber wird ihnen zugehört und Unterstützung geboten.

Unsichere Zukunft

Vor allem diejenigen, die noch kein positiv abgeschlossenes Asylverfahren haben, fürchten um ihre Sicherheit. Da sie bei den Taliban als Landesverräter gelten, müssen sie bei einer etwaigen Abschiebung nach Afghanistan um ihr Leben fürchten. Eine gesetzlich vorgeschriebene Voraussetzung für das Bleiberecht für Geflüchtete ist die Mitwirkungspflicht bei der Beschaffung eines Nationalpasses. Dieser kann normalerweise, organisiert über internationale Vereinbarungen, über das Konsulat des jeweiligen Landes beschafft werden. Das afghanische Konsulat ist seit der Machtübernahme der Taliban geschlossen, das Nachkommen der Mitwirkungspflicht ist in diesem Falle unmöglich. Alle, die bereits einen Nationalpass über das Konsulat in Deutschland erhalten konnten, bangen, dass dieser nicht länger anerkannt wird, wenn ein Emirat in Afghanistan errichtet wird.

Sicherheit, Stabilität und Geborgenheit sind essenziell

Die Themenschwerpunkte in der Bezugsbetreuung sind umfangreicher und gezielter als im „normalen“ Arbeitsalltag bisher, denn Tod, Trauer, Angst, Schuld überschatten alles. Es kommt in Gesprächen und Auseinandersetzungen vermehrt zu Niedergeschlagenheit, tiefer Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit.

Langfristiges Planen und Arbeiten an individuellen Hilfeplanzielen ist entsprechend schwer. Es benötigt viel Empathie, Zeit und viel Beziehungsarbeit, um vor allem die jungen Menschen zur Verfolgung ihrer individuell geplanten Zukunftsperspektive zu motivieren. Das Gefühl nach Sicherheit muss immer wieder neu hergestellt werden.

Das Auffangen von Angst, Trauer, Wut, Schuld und Ohnmacht muss auch von den Fachkräften ständig reflektiert und bearbeitet werden. Regelmäßige kollegiale Fallbesprechungen, Einzelgespräche und Supervision sorgen dafür, dass die Condrobs-Mitarbeiter*innen der Jugendhilfe diese Herausforderungen bewältigen. Durch die professionelle, zugewandte Arbeit gelingt es so Stück für Stück, den jungen Geflüchteten ein Gefühl der Sicherheit, Stabilität und Geborgenheit zu vermitteln. Und das ist etwas, das sie dringend brauchen.

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