Armutskonferenz 2021: Sorgenvolle Jugend

1. August 2021

Unter dem Titel „Junge Menschen stärken – Was brauchen junge Menschen in einer teuren Stadt“ fand die 2. Veranstaltung im Rahmen der Münchner Armutskonferenz statt. Die Beiträge der jungen Menschen, die sich zu ihrer oft prekären Situation geäußert haben, zeigen deutlich: Sie brauchen dringend konkrete Perspektiven.

Zukunftsängste

Über 90 Prozent der jungen Münchner*innen ist  in Sorge darüber, dass das Leben in der bayerischen Landeshauptstadt für sie nicht mehr finanzierbar ist. Dies hat die Online-Jugendbefragung 2020 zutage gefördert. Laut Bürgermeisterin Verena Dietl treibt die jungen Münchner*innen v.a. die Angst um, sich keine  Wohnung leisten zu können

Wenig Teilhabe – größere Sorgen

Auf http://gaps21.medienzentrum-muc.de/ ist es noch bis Anfang September  möglich, sich Videobeiträge der Armutskonferenz anzusehen, in denen sich junge Menschen zu ihren Problemen, Nöten und Sorgen äußern. Zudem gibt es eine Sammlung von Kommentaren zu dieser virtuellen Ausstellung.

„Die Preise für Fahrkarten auf lange Sicht im öffentlichen Nahverkehr sind zum Teil genauso unrealistisch wie der Kauf eines Sportwagens für diese jungen Erwachsenen.“[1]

Nicht nur die explodierenden Mieten oder die steigenden Lebenshaltungskosten bereiten jungen Menschen demnach Kopfzerbrechen, auch die Preise für Freizeitaktivitäten und Mobilität sind für sie offenbar bereits jetzt oder in naher Zukunft nicht mehr zu stemmen.

Weiterhin kommt zur Sprache, dass sich die jungen Menschen oft mit ihren Sorgen und Nöten nicht gesehen und/oder ernstgenommen fühlen. Zugänge zu sozialen Leistungen sind für sie oft mit großen Hürden behaftet oder zu wenig vorhanden. Weitere strukturelle Themen wie mehr Bewegungsmöglichkeit im öffentlichen Raum und künstlerische Freiräume sind ein Wunsch der Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Bereits benachteiligte Gruppen leiden noch mehr

Dass alles immer teurer wird, trifft diejenigen besonders hart, die sowieso schon nicht auf der Sonnenseite stehen: in mehr als einem Drittel der Münchner Hartz-IV-Haushalte leben Kinder und Jugendliche[2]. Hinzu kommen noch Familien, die nur deswegen keine Sozialleistungen erhalten, weil sie knapp über der Bemessungsgrenze liegen. In Statistiken tauchen sie nicht auf, in einer teuren Stadt wie München sind diese Familien aber – wenn überhaupt – nur marginal bessergestellt. Zusätzlich gibt es etliche Familien mit Kindern, die aus unterschiedlichen Gründen den Gang zum Amt scheuen und zahlreiche junge Erwachsene, die auf Transferleistungen angewiesen sind. Leben sie in einer Bedarfsgemeinschaft oder einer Unterkunft der Wohnungslosenhilfe müssen sie einen erheblichen Teil ihres Ausbildungsgehaltes einbringen

„Junge Menschen, die ihre Eltern nicht mit ihren kleinen Wünschen belasten wollen, weil sie wissen, wie knapp das Geld ist.“[3]

Benachteiligungen nehmen zu

Besonders während der Pandemie hat sich die Situation nochmal deutlich verschärft. „Wenn Familien in finanzielle Schwierigkeiten kommen, leiden auch die Kinder darunter“, so Sozialreferentin Dorothee Schiwy. Die Corona-Krise hat durch fehlende Mini- und Gelegenheitsjobs Familien und jungen Menschen einen großen Teil des Einkommens wegbrechen lassen. Sozialkontakte wurden durch Lockdowns und mangelnde Optionen der Teilhabe an Aktivitäten unmöglich gemacht. Vor allem die vertiefte Bildungskluft wird ohne kompensatorische Maßnahmen zu einem deutlichen Armutsanstieg führen. „Die bisher bereits benachteiligten Kinder und Jugendlichen drohen komplett abgehängt zu werden“, so Verena Dietl.

„Der massive Druck führt zu oft zu psychischen Erkrankungen.“[4]

Maßnahmen notwendig

Um  der Armut von Kindern und Jugendlichen und damit der Gefahr der zunehmenden Ausgrenzung zu begegnen  wurden von den betroffenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen selbst einige Forderungen aufgestellt. Dazu gehören u.a. die Anpassung von Sozialleistungssätzen an die jeweiligen Gegebenheiten, der Verzicht auf die Anrechnung von Ausbildungsgehalt, kostengünstige Freizeitangebote und Mobilität, , Übergangslösungen für junge Menschen, die aus der stationären Jugendhilfe entlassen werden, eigene Wohnmöglichkeiten abseits der Wohnungslosenunterkünfte für Erwachsene, Räume für künstlerische Aktivitäten und flexible Wohnformen, Hilfe bei Antragstellungen, Abbau von Bürokratie, noch sichtbarere und besser erreichbare Ansprechpartner*innen (z.B. an den Schulen), mehr Projekte am Übergang Schule/ Beruf. Jugendamtsleiterin Esther Maffei teilt die Forderung nach einer weitreichenden Entbürokratisierung. Statt einer Verkomplizierung durch zahlreiche Anträge müssen niedrigschwellige Angebote Einzug halten.

Nachdrückliche Forderungen

Eine vor kurzem durchgeführte 10-Jahres-Studie des Paritätischen zur Kinderarmut hatte Condrobs bereits zum Anlass genommen, um weitere Forderungen zur Vermeidung von  Kinderarmut zu stellen.

Den Forderungen der jungen Menschen, die sie auf der Armutskonferenz an die Verantwortlichen in Verwaltung und Politik gerichtet haben, müssen nun entsprechende Umsetzungsschritte folgen. Sie wurden als Expert*innen ihrer Lebenswelt beteiligt und gehört, nun gilt es diese Expertise ernst zu nehmen und entsprechende Weichenstellungen vorzunehmen.


[1] Kommentar auf https://padlet.com/romey1/oo3png726lvedxk7 auf die Frage „Wofür würden/würdest Sie/Dich weiter einsetzen?“

[2] Quelle: https://ru.muenchen.de/2021/136/Muenchner-Armutskonferenz-Junge-Menschen-staerken-96971

[3] Kommentar auf https://padlet.com/romey1/oo3png726lvedxk7 auf die Frage „Was hat Sie/Dich berührt?“

[4] Kommentar auf https://padlet.com/romey1/oo3png726lvedxk7 auf den Punkt „Noch nicht Gesagtes“

 

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