Am 8. März, dem Weltfrauentag, streiken Frauen* im Namen der Gleichbehandlung und demonstrieren gegen Barrieren und Benachteiligung in unserem System. Auch Sucht hat bei Frauen* mehr Dimensionen als die Abhängigkeit von Suchtmitteln. Sie sind oft ein Symptom struktureller weiblicher* Unabhängigkeit. 
 
Karin war 46 Jahre alt, als sie zu uns in die Suchthilfe kam. Sie wirkte eingeschüchtert, isoliert. Erst nach vielen langen Gesprächen erzählte sie mir aus ihrem von männlicher Gewalt und Dominanz geprägten Leben: Wie sie schon als Mädchen den gewalttätigen Launen ihres Vaters ausgeliefert war, wie sie ihr erster Mann misshandelte und wie sie begann, Beruhigungsmittel zu nehmen. Um dem Trauma zu entkommen und die Erinnerung zu betäuben. Doch die Erinnerung ließ sich nicht lange unterdrücken – der Konsum wurde regelmäßig, verstärkte sich und Karin griff zu immer härteren Suchtmitteln, bis sie schließlich mit einem Mix aus verschiedenen illegalen Drogen eine chronische Suchtkrankheit entwickelte.
 
Die Gewalterfahrung teilt sie mit der 22-jährigen Myriam. Erst nach Monaten in unserer Unterkunft für geflüchtete Frauen* gibt sie mir kleine Einblicke in ihre Vergangenheit. Sexuelle Gewalt in Lagern war für sie als allein geflüchtete Frau bitterer Alltag. Es gab keinen Rückzugsort, niemand, der sich für sie einsetzte. In Deutschland angekommen, fand Myriam sich schwer zurecht. Die Vergangenheit holt sie auch heute immer wieder ein, die Gegenwart bietet wenig Perspektiven. Und was neu ist: Alkohol ist hier auch für sie als Frau jederzeit erhältlich. Er hilft ihr, zu entfliehen.
 
Als Lydia zum ersten Mal unsere Drogenberatungsstelle aufsuchte, war sie wie aufgeladen. Die Erleichterung darüber, dass sie endlich nach Hilfe fragte, war ihr anzusehen. Lydia ist alleinerziehend. Um sich das Leben in München leisten zu können und ihre Kinder zu versorgen, arbeitet sie Vollzeit. Sie möchte für ihre Kinder da sein, sie möchte ihre Eltern nicht belasten, und doch: Sie muss den Job behalten. Um alles noch bewältigen zu können, greift Lydia zu leistungssteigernden Drogen. Zuerst ein bisschen, um wach zu bleiben. Doch dabei konnte es nicht bleiben.
 
Was Lydia, Myriam und Karin verbindet: Sie versuchten für lange Zeit, ihre Sucht und ihr Trauma zu verstecken. Sie schämten sich für ihre Sucht und machten sich allein für ihre Lebenslagen verantwortlich. Grund dafür ist das Stigma und das Pauschalurteil, das in unserer Gesellschaft herrscht: „Wer Drogen nimmt, ist selbst Schuld!“ Die Frauen* kennen das, ihre Geschichten wurden schon zu oft ignoriert.
 
Dabei müssen diese Geschichten, so schmerzlich sie sind, besonders zum Weltfrauentag erzählt werden. Gewalt an Frauen*, geschlechtsspezifische Traumata und Überbelastung sind keine Einzelschicksale, sie haben Struktur. Mit sozialtherapeutischen Angeboten in der Suchthilfe können wir Frauen* individuell dabei helfen, ihre Erfahrungen aufzubereiten. Damit in Zukunft weniger Frauen* solche Geschichten erleben und als mögliche Folge an Sucht erkranken, brauchen wir aber gesellschaftliche Lösungen: Wir brauchen mehr präventive Maßnahmen zur Verhinderung von häuslicher Gewalt und flächendeckenden Zugang zu Frauen*häusern. Wir brauchen progressive Reformen in Arbeit und Familie für echte Chancengleichheit und Arbeitsteilung. Wir müssen Betroffenen vermitteln, dass zum Opfer gemacht zu werden keine Schande ist, sondern die Schande allein bei den Täter*innen liegt.  Sucht ist ein Ausdruck allgemeiner Abhängigkeit. Also müssen wir Selbstvertrauen schaffen und Frauen* eine Basis für Unabhängigkeit bieten.  Und wir müssen zeigen, dass, wenn Frauen* in der Spirale aus Gewalt, Trauma und Sucht gefangen sind, es nicht an ihnen alleine ist, sich daraus zu befreien. Am Weltfrauentag kämpfen wir für bessere Bedingungen für Frauen* weltweit –  und wir zeigen Solidarität mit den Frauen*, die an Ungleichheiten vorübergehend gescheitert sind.
 
Eva EgartnerDr. Sophia Berthuet
Abteilungsleitung Arbeit mit Frauen* und Geflüchteten
Condrobs e.V.