LGBTQI* in der Jugendhilfe – Es funktioniert!

29. Mai 2019

Inizio: Das Gefühl von Zugehörigkeit vermitteln – jede geschlechtliche Identität benötigt Anerkennung!

Elena Preuß, psychologischer Fachdienst bei Inizio, berichtet über den Arbeitsalltag mit Jugendlichen mit geschlechtsspezifischen Bedürfnissen in einer therapeutischen Wohngemeinschaft und die damit verbundenen Herausforderungen für das Team und die Bewohner*innen:

Inizio versteht sich als eine Einrichtung, die jungen Erwachsenen ab 16 Jahren Perspektiven für ein Suchtmittelfreies Leben aufzeigt. Hierbei geht es dem zuständigen Fachpersonal vor allem darum, den Jugendlichen mit Wertschätzung und Respekt zu begegnen. Es soll ihnen ein sicherer Ort geboten werden, in welchem Bindung erfahren werden kann und Raum für Entwicklung ermöglicht wird. Der Gender-spezifische Ansatz ist seit geraumer Zeit ein wichtiger Bestandteil des Konzeptes, um die Klientel vor dem Hintergrund geschlechtsspezifischer Bedürfnisse zu betreuen und um ihnen bei der Bildung von Identität Unterstützung zu bieten. Seit einiger Zeit betreut die Einrichtung auch junge Erwachsene, die sich nicht dem binären Geschlechterverständnis unserer Gesellschaft (weiblich/männlich) zuordnen können. Wichtig ist es daher vor allem individuelle Schutzräume innerhalb der therapeutischen Wohngemeinschaft zu schaffen, sodass Trans*Jugendliche keine Ausgrenzung erfahren, sondern in einer Atmosphäre leben, die es ihnen ermöglicht, sich zu öffnen und mit sich auseinander zu setzen.

Trans*Jugendliche haben in den meisten Fällen in ihrer Biografie bereits erfahren müssen, eine Minderheit zu sein und sich dadurch nicht zugehörig fühlen können. Verunsicherung, Ängste, Einsamkeit und möglicherweise auch das Erfahren von Gewalt spielen in den Lebensgeschichten eine entscheidende Rolle. All das sind Faktoren, die Leidensdruck auslösen können bis hin zu psychischen Beeinträchtigungen führen. Destruktives Verhalten, wie auch missbräuchlicher Substanzkonsum, dient in der Regel als Problemlösestrategie für den Umgang mit negativen Emotionen, sozialen Belastungen und traumatischen Ereignissen. Der missbräuchliche Substanzkonsum bzw. die Abhängigkeit erschweren die gesellschaftliche Teilhabe für Trans*Jugendliche zusätzlich. Gleichzeitig ist die Bildung von Identität in der Adoleszenz eine Entwicklungsaufgabe, welche bei den meisten Jugendlichen zur Herausforderung wird, die nur schwer zu bewältigen ist. Die Jugendhilfe hat die Verantwortung Trans*Jugendlichen zu begegnen und mit diesen nach den entsprechenden Leitlinien der Stadt München (Veröffentlichung: November 2018) zu arbeiten.

So versteht sich auch Inizio als eine Einrichtung, die dieser Aufgabe adäquat nachkommen möchte. Dabei erachten wir als Einrichtung es als essentiell notwendig, die spezifischen Lebenserfahrungen der Trans*Jugendlichen miteinzubeziehen und sowohl den Nutzen als auch die Hilfe einer suchttherapeutischen Maßnahme zu vermitteln. Neben den spezifischen Lebenserfahrungen sind die Bedarfe von Minderheiten zu berücksichtigen und im Speziellen auch die körperlichen, psychischen und sozialen Faktoren, die die Trans*Jugendlichen beschäftigen. Umso wichtiger erscheint es, diesen Jugendlichen ein haltendes Feld zu bieten, in welchem sie für sich wichtige Erfahrungen sammeln, sich öffnen, Bedürfnisse und Sorgen äußern können, ohne dass Grenzen überschritten werden. Dafür benötigt es eine transrespektvolle Haltung, welche im Kontakt deutlich wird. Die Kommunikation spielt dabei eine wichtige Rolle, denn in dieser sollen Trans*Jugendliche nicht nur erfahren können, dass die persönliche Ansprache der geschlechtlichen Identität entspricht, sondern auch, dass der Kontakt diskriminierungssensibel gestaltet ist.

Die Einrichtung musste in einen Entwicklungsprozess einsteigen, sich wichtigen Fragen stellen und Entscheidungen treffen. Beispielsweise wie man mit einer Namensveränderung umgeht, im inoffiziellen als auch im offiziellen Kontext. Innerhalb der alltäglichen Kommunikation musste zusätzlich sensible von geschlechtlichen Pauschalitäten/Ausdrucksweisen abgesehen werden. Gleichzeitig wurde der bisher binär verfolgte Genderansatz überdacht – da eine Einteilung in weiblich als auch männlich spezifische Gruppen ausgehend von dem biologischen Geschlecht, fragwürdig erschien. Innerhalb des Teams kam es so zu einigen Herausforderungen und Lerneffekten, da unterschiedliche Haltungen und unterschiedliches Wissen bzgl. des Themas LGBTQI* vorhanden waren.

Für eine nun gelungenen Trans*inklusion war viel Austausch, Reflexion und eine Abweichung vom bisherigen Konzept notwendig. Es liegt eindeutig in der Verantwortung des Fachpersonals für diese Rahmenbedingungen zu sorgen. Der Trans*Jugendliche darf nicht in die Rolle geraten, Aufklärungsarbeit leisten zu müssen, sondern Fachwissen muss innerhalb des Teams ausreichend vorhanden sein bzw. sich angeeignet werden. Es ist zu erwarten, dass je mehr Wertschätzung und Respekt durch die therapeutische Beziehung erfahren werden kann, die Funktionalität des Konsums vermindert wird.

Leider fehlt es bisher an ausreichend wissenschaftlich basierten Ergebnissen innerhalb der deutschen Suchtforschung bzgl. Trans* und Sucht. Hier Bedarf es einer vermehrten Auseinandersetzung mit diesem Thema. Dennoch ist festzuhalten, dass Ausgrenzung, Angst, Einsamkeit und Perspektivlosigkeit, Faktoren sind, die eine Rückfälligkeit begünstigen. Daher bietet hier Inizio als therapeutische Wohngemeinschaft neben der therapeutischen Beziehung auch die Chance für Trans*Jugendliche positive Erfahrungen im sozialen Miteinander innerhalb der Bewohner*innen-Gruppe zu sammeln. Hier zeigt die Praxis eine ausgesprochen hohe Toleranz und Wertschätzung von den gleichaltrigen Jugendlichen, sowie ein funktionierendes Miteinander, sodass bisherige oftmals negative Erfahrungen in positive Erfahrungen korrigiert werden können.

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Hi, ich heiße Terra und bin 21.

Erst bin ich noch unter meinem männlichen Geburtsnamen in die Wohngruppe Inizio eingezogen und wurde auch ins binär getrennte Männerstockwerk einsortiert. Es hat Mut gekostet, mich ab Tag 1 als geschlechtsneutral und transfeminin vorzustellen. Vielleicht habe ich dadurch sogar eine kleine Revolution angezettelt, denn jemanden wie mich gab‘s bei Inizio bisher noch nicht. Die Änderung zu Terra und den richtigen „sie/ihr“-Pronomen geschah drei Monate nach meinem Einzug und war eine chaotische und spontane, aber notwendige Veränderung für mich.

Ich stieß nicht bei allen sofort auf Verständnis und Akzeptanz. Mehr noch bei Bewohner*innen als bei Sozialarbeiter*innen, denn diese musste ich erst noch aus therapeutischer Sicht von mir überzeugen.

Bis Normalität einkehrte, war ich schon ca. 6 Monate Klientin. Ab dem elften Monat hatte ich endlich einen externen Therapeuten zur Behandlung meiner Geschlechtsdysphorie gefunden. Und ab dem 18. Monat startete ich meine geschlechtsangleichende Hormontherapie. Kurz darauf folgte auch der Umzug ins 2. Stockwerk, welches nun inklusiv auch für nicht-biologische Frauen* bewohnbar ist.

Inzwischen war auch die soziale Umstellung vollständig abgeschlossen. Selbst die offiziellen Dokumente tragen meinen Wunschnamen und ich werde nicht mehr als Mann angesprochen. Sogar die Mitarbeiter*innen, die mich wohl nie korrekt ansprechen werden, haben ihre Vorwürfe unter dem schieren Gruppenzwang an Akzeptanz zurückgezogen.

Obwohl ich nur persönliche Hürden überwunden habe und nur von mir sprechen kann, habe ich mit meiner Geschichte Veränderung ins System gebracht. Bei Inizio habe ich viel Sympathie und Interesse für die LGBTQI* Community wecken können. Das beste Beispiel ist die Verfasserin dieses ganzen Berichts. Ich freue mich dabei zu sein, wenn ein Zeichen für Inklusion gesetzt wird.

Zum Schluss will ich noch Danke an alle sagen, die mein Temperament überlebt haben, als es um die Durchsetzung von Terra ging. Danke auch an alle, die eingesehen haben, dass ich einfach bloß gleichwertig zu behandeln bin. Und Danke an alle, die von Anfang an auf meiner Seite standen.

Terra

Wir als Einrichtung sind froh, einen Schritt in die richtige Richtung gemeinsam mit unserer Klientel zu gehen – frei von sexuellen und geschlechtlichen Vorurteilen.

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