München gedenkt der Drogentoten und fordert Konsumräume

21. Juli 2026
Gedenken auf dem Marienplatz: Erinnerung und politische Forderungen am 21. Juli

Es wird still auf dem Marienplatz, als die Namen verlesen werden. Einer nach dem anderen, dazwischen eine kurze Pause, dann der nächste. Kein Name gleicht dem anderen, und doch verbindet sie etwas: Es sind Menschen, die im vergangenen Jahr aufgrund ihres Drogenkonsums verstorben sind. 74 waren es allein in München, bundesweit 2.150.

Vor dem Münchner Rathaus stehen an diesem 21. Juli, dem Internationalen Gedenktag für verstorbene drogengebrauchende Menschen, Angehörige neben Fachkräften der Suchthilfe, Ehrenamtliche neben Vertreter*innen der Stadt. Der Gedenktag ist beides, Trauerfeier und politische Kundgebung. Getrauert wird um die, die nicht mehr da sind. Gefordert wird für die, die noch leben.

Hilfen ausbauen statt sie beschneiden

Durch den Nachmittag führt Olaf Ostermann, bei Condrobs Abteilungsleiter für Ältere und niedrigschwellige Hilfen. Er macht früh klar, worum es geht: „Wir erinnern nicht anonym, wir nennen Namen, berichten aus echten Leben.“ Die Menschen, um die es hier gehe, seien Teil der Gesellschaft gewesen. Jeder Verlust sei einer zu viel und für die Suchthilfe ein Auftrag, Hilfen auszubauen, statt sie zu beschneiden.

Dass die Stadtspitze an diesem Tag Präsenz zeigt, ist kein Zufall. Verena Dietl, Dritte Bürgermeisterin der Landeshauptstadt, tritt ans Mikrofon – ein sichtbares Zeichen an Angehörige, Betroffene und Fachkräfte, dass München an ihrer Seite steht und in der Drogenpolitik seit Jahren auf einen akzeptierenden, gesundheitsorientierten Kurs setzt.

München ist bereit

Für sie sei der Gedenktag ein fester Termin im Kalender, sagt Dietl, und dass an diesem Tag auch Stadträt*innen dabei seien, sei ein Signal: Menschen, die sich aus der Gesellschaft herausgedrängt fühlten, gehörten selbstverständlich dazu. Was sie umtreibe, sei die steigende Zahl der Drogentoten – gerade, weil es Maßnahmen und Schutzmöglichkeiten gebe. „Menschen müssen aufgrund ihres Drogengebrauchs nicht ohne Weiteres sterben.“ München habe sich längst für Drug-Checking und Drogenkonsumräume ausgesprochen, im Stadtrat einstimmig und seit Jahren. Die Stadt sei bereit.

Umso mehr berühre es sie, Jahr für Jahr an dieser Stelle zu stehen und zu merken, wie wenig sich bewegt habe, obwohl die Antworten auf dem Tisch lägen. Sie verstehe nicht, warum in München nicht möglich sei, was in anderen Städten selbstverständlich funktioniere und nachweislich Leben rette. Ihre Forderung richtet sie an den Freistaat: Er müsse endlich zulassen, dass die Stadt Konsumräume umsetze, „damit ich nicht jedes Jahr hier oben stehen muss“. Aufgeben komme nicht infrage.

Trauer, Wut und Hoffnung

So unterschiedlich die Perspektiven der Redner*innen an diesem Tag sind, so einig sind sie in ihren zentralen Forderungen. Barbara Likus, Stadträtin der SPD-Fraktion und Fachsprecherin für Menschenrechte, bringt die Stimmung des Tages auf drei Worte: Trauer, Wut, Hoffnung. Trauer um die Toten, hinter denen Menschen stehen, die um sie trauern. Wut, weil sich viele dieser Todesfälle verhindern ließen durch Konsumräume und Drug-Checking, die von der Landesregierung Bayerns bislang blockiert werden. Und Hoffnung, weil Angehörige und Engagierte gegen diese Widerstände nicht lockerlassen.

Die Forderungen, die an diesem Mittag laut werden, sind seit Jahren dieselben. Marco Stürmer, Geschäftsführer von Prop e. V., wirbt dafür, einen Schritt zurückzutreten und über Orte statt nur über Substanzen zu sprechen: Wer keine Wohnung habe, konsumiere im öffentlichen Raum, der so zum sichtbaren Ausdruck fehlender Integration werde. Regulierte Konsumräume, Drug-Checking, Substitution, Housing First – dieselben Stichworte kehren wieder, als Thekla Andresen vom JES Bundesverband die vielerorts fehlenden Substitutionsplätze benennt und Christopher Knoll vom Checkpoint München der Münchner Aidshilfe für Drug-Checking wirbt, das Risiken senkt und oft den ersten Kontakt zu weiteren Hilfen herstellt.

Wer durchs Raster fällt

Zwei Gruppen drohen dabei besonders durchs Raster zu fallen. Margot Wagenhäuser, Leiterin des Therapieverbunds Sucht München bei der Caritas, warnt vor den geplanten Kürzungen in der Jugendhilfe: „Wer hier spart, spart auf Kosten von Gesundheit, Lebensperspektiven – und im schlimmsten Fall auf Kosten von Menschenleben.“ Und Nicole Bartsch, Geschäftsführende Einrichtungsleitung von extra ambulant, spricht über Frauen*, die aus Scham und aus Angst, ihr Kind zu verlieren, oft gar nicht erst Hilfe suchen. Ihre Sätze bleiben hängen: „Scham kostet Leben. Stigmatisierung kostet Leben. Ausgrenzung kostet Leben.“

„Nicht irgendwann, sondern jetzt!“

Katrin Bahr, Geschäftsführende Vorständin von Condrobs, bündelt, was an diesem Nachmittag aus vielen Richtungen kommt. Auch sie beginnt bei den Namen: Erinnert werde nicht an Statistiken, sondern an Töchter und Söhne, Geschwister, Eltern und Freund*innen. Und nicht zuletzt an jene, die zurückbleiben. Doch Gedenken allein reiche nicht. Der European Drug Report 2026 zeige eine veränderte Lage: neue synthetische Opioide, hochpotente Substanzen, häufiger Mischkonsum und ein deutlich höheres Risiko tödlicher Überdosierungen. Ihre Konsequenz: „Wir müssen schneller werden, flexibler, niedrigschwelliger.“

Konkret verweist Bahr auf die Forderungen der bundesweiten #GibMir5-Kampagne: Eine verlässlich finanzierte Suchthilfe, kommunale Frühwarnsysteme und den Ausbau lebensrettender Schadensminderung von Konsumräumen bis Naloxon. Zwei Anliegen legt sie besonders ans Herz: die jungen Menschen, bei denen psychische Erkrankung und problematischer Konsum immer öfter zusammenfielen, und den Schutz substanzgebrauchender Frauen*, die von Gewalt betroffen und bis heute aus Frauen*häusern ausgeschlossen sind. „Am Gewaltschutz darf nicht gespart werden.“ Ihre Botschaft an die bayerische Staatsregierung lässt keinen Spielraum: „Nicht irgendwann, sondern jetzt!“

Emotionaler Moment auf dem Marienplatz

Wie sich ein solcher Verlust anfühlt, macht an diesem Tag niemand greifbarer als Frau Beser. Am 22. März 2023, zehn Tage nach dem 34. Geburtstag ihres Sohnes, sei für sie und ihren Mann die Welt stehen geblieben; er starb an einer Überdosis. „So viele Jahre hat er gegen die Sucht angekämpft und letztendlich doch verloren.“ Sie spricht nicht von einem Süchtigen, sondern von ihrem Sohn, einem Menschen mit einer Geschichte, die nicht mit dem Wort „Drogentoter“ beginnt und nicht mit ihm endet. Genau darum gehe es ihr: dass die, derer man heute gedenkt, als Menschen in Erinnerung bleiben und nicht als Zahl, nicht als Diagnose.

Sie wisse, wie viel Scham und Schweigen eine Sucht umgibt, in den Familien, im Umfeld, in der Gesellschaft. Dieses Schweigen koste zusätzlich Kraft und halte Menschen davon ab, sich Hilfe zu holen, bevor es zu spät ist. Deshalb stehe sie hier, sichtbar, mit ihrem Namen und ihrer Geschichte, um Gesellschaft und Politik aufzurütteln. Und um für das zu werben, was ihrem Sohn vielleicht geholfen hätte: „Konsumräume retten Leben.“ Ihr letzter Satz braucht keine Erklärung: Sie würde alles dafür geben, ihren Sohn noch einmal in den Arm nehmen zu dürfen.

„Wir müssen was tun“

Den Schlusspunkt setzt Mike, einer, der weiß, wovon die anderen sprechen. Denn Mike, mittlerweile in einem Drogenersatzprogramm, hat selbst erlebt, wie es ist, wenn es keine Konsumräume gibt und was es bedeutet, liebgewonnene Menschen zu verlieren. Er beginnt fast heiter: „Servus, Bayern ist schön.“ Dann kippt der Ton. Bayern habe Biergärten, sagt er, nur keine Konsumräume. Und während der nächste Biergarten eröffne, bleibe das aus, was Leben retten würde. Ans Rathaus gewandt fordert er, man möge die Fenster öffnen und hören, was hier draußen passiere.

Er kommt auf das, was ihn wirklich umtreibt: die Freunde, die fehlen. Er nennt ihre Namen. Stefan, und Bianca, die noch bei ihm zu Hause übernachtet hatte. „Wir müssen kämpfen, für uns und unsere Rechte als Drogennutzende“, sagt er, „jeden Tag.“ Warum in Frankfurt möglich sei, was Bayern verweigere, verstehe er nicht; und die offizielle Zahl bilde ohnehin nicht alles ab, die Dunkelziffer liege weit höher. München sei schön, sagt Mike, aber München müsse auch etwas tun. Am liebsten sofort: „Stellen wir den Container hin.“ Dass es nicht so schnell geht, weiß er selbst. Sein Schluss ist trotzdem keine Klage, sondern ein Zuruf an die Runde: „Wir müssen was tun. Auf geht’s. Servus.“

Als die Kundgebung endet, bleibt es noch einen Moment still. Die Namen sind verlesen, die Forderungen gestellt. „Den Verstorbenen gilt heute unser stilles Gedenken. Den Lebenden gilt unser gemeinsames Handeln“, so Katrin Bahr. An diesem Mittag auf dem Marienplatz war beides zu sehen – und die leise Hoffnung, dass beim nächsten Gedenktag weniger Namen zu verlesen sind.

Fotocredit: Florian Freund (https://www.florian-freund.de/)

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