Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rückt zum Weltgesundheitstag jedes Jahr ein neues gesundheitspolitisches Thema von globaler Relevanz in den Fokus der Öffentlichkeit. Das diesjährige Thema am 7. April lautet „Flächendeckende Gesundheitsversorgung“. In diesem Zuge wollen auch wir über ein Thema informieren, für das wir uns engagieren: Safer Use. Vanessa Cramer, Sozialarbeiterin (BA) im limit Kontaktladen für Drogenkonsument*innen, gibt im Interview einen Überblick über die wichtigsten Fragen zu diesem Thema.

 

Ursprung

Auslöser: massive Verelendung von Drogengebraucher*innen in den 1980er Jahre:
  • Hoher Anstieg an Hep B-, Hep C-, HIV-Erkrankten
  • Steigende Todesfälle
  • Zunehmende Beschaffungskriminalität
  • Begrenztes Angebot/Mangel an Attraktivität der abstinenzorientierten Therapieangebote
  • Fehlender Zugang der Suchthilfe zu einer großer Anzahl an Drogengebraucher*innen
 
 
  1. Was ist Safer Use?
Grundsätzlich fallen unter den Begriff Safer Use alle Maßnahmen, die Risiken und Gesundheitsgefährdungen durch Drogenkonsum minimieren, jedoch nicht unmittelbar zur Substanzfreiheit beitragen müssen. Durch die sogenannte Harm Reduction soll eine Schadensminderung, -minimierung und –reduzierung erfolgen und zur Verbesserung der körperlichen, psychischen und sozialen Situation der Drogengebraucher*innen beitragen.
 
  1. Welche Maßnahmen werden dabei ergriffen?
Zuerst einmal ist die Beratung über risikoarme Konsumgewohnheiten wichtig. Hierbei spielt vor allem die Vergabe steriler Konsumutensilien eine zentrale Rolle, um die Übertragung von Infektionskrankheiten einzudämmen. Zur Safer Use -Beratung kommen eine Safer Sex-Beratung sowie die Verteilung von Kondomen oder die Aufklärung über verschiedene Impfprogramme hinzu, um eine Verbreitung von vielleicht schon bestehenden Krankheiten einzudämmen. Weitere wichtige Maßnahmen sind die Substitution bei Drogengebraucher*innen, also eine ärztlich verordnete Ersatzmedikation, aber auch der Einsatz und die Verteilung von Naloxon, einem Medikament, das bei Überdosierungen Leben retten kann sowie Drug-Checking. Die Schaffung von Konsumräumen, in denen in Ruhe und unter hygienisch sterilen Bedingungen sicher und risikoarm konsumiert werden kann, ist ein weiterer zentraler Punkt im Sinne der Schadensminimierung. Zusätzlich sind Förderung, Unterstützung und Kooperation von und mit Selbsthilfeinitiativen Bestandteil des harm reduction Ansatzes.
 
  1. Warum ist Safer Use ein wichtiges Thema?
Das Bundesgesundheitsministerium beispielsweise hat es sich in seiner Strategie „BIS 2030 – Bedarfsorientiert, Integriert, Sektorübergreifend“ zum Ziel gesetzt HIV, Hepatitis B und C, Syphilis, Gonorrhö, Chlamydien, HPV und andere sexuell übertragbaren Infektionen nachhaltig einzudämmen.
 
Die Eindämmung dieser Erkrankungen stellt ein gesamtgesellschaftliches Ziel dar, jedoch ist unsere Zielgruppe der Drogengebraucher*innen oft einem höheren Risiko ausgesetzt, an einer dieser Infektionen zu erkranken. Dabei können neben dem intravenösen Drogenkonsum, auch das geschwächte Immunsystem aufgrund der prekären Lebensumstände, die Stigmatisierung in der Gesellschaft und die damit einhergehende Isolation sowie der verloren gegangene Bezug zum Gesundheitssystem und der ärztlichen Anbindung eine Rolle spielen.
 
Wichtig zu betonen ist, dass diese Annahmen nicht für alle Drogengebraucher*innen zutreffen, da natürlich nicht alle in prekären Verhältnissen leben und vielen ein sicherer, risikoarmer Konsum und der Schutz der eigenen Gesundheit wichtig sind.
 
Safer Use Beratung ist also nicht nur für die langfristige Gesundheit des Einzelnen von großer Bedeutung. Sie trägt dazu bei, dass sich ansteckende Infektionskrankheiten nicht weiter verbreiten.
 
  1. Warum sollte Drug-Checking gefördert werden?
Drug-Checking ermöglicht einen selbstbestimmten, verantwortungsbewussten Umgang beim Konsum von illegalen Substanzen. Zudem kann es den/die Konsumenten*in vor einer Überdosierung schützen. In den letzten Jahren zeigen sich zum Beispiel in der Partyszene erschreckende Entwicklungen bei MDMA. Der Wirkstoffgehalt hat sich um ein Vielfaches erhöht im Vergleich zu den Vorjahren. Die Gefahr einer Überdosierung beim Konsum ist stark gestiegen.
 
Genauso ist es mit THC und anderen Substanzen. Aufgrund der hohen Nachfrage und der Strafverfolgung der gängigen herkömmlichen Substanzen werden inzwischen neue Substanzen auf den Markt gebracht, die einen extrem hohen Wirkstoffgehalt haben. Selbst Drogengebraucher*innen, die schon seit vielen Jahren konsumieren, fällt ein verantwortungsbewusster Umgang mit diesen hochpotenten Substanzen schwer, da es keine Inhaltsstoffangaben gibt, die einen über den Wirkstoffgehalt aufklären. Das Risiko von Überdosierungen kann damit erheblich zunehmen.
 
Drug-Checking würde es somit ermöglichen, zum Beispiel auf Partys seine gekauften Substanzen sofort von einem vor Ort mobilem Labor analysieren zu lassen. Die Konsumierenden wüssten direkt, wie hoch der Wirkstoffgehalt ist und könnten bei einem sehr hohen Gehalt, die Einnahme besser dosieren oder vielleicht sogar auf den Konsum verzichten. Studien über bestehende Projekte belegen diesen Rückgang des Konsums.  Ein verantwortungsvoller Umgang mit dem eigenen Konsum würde dadurch möglich und findet auch statt.
 
Obwohl in einigen europäischen Ländern, darunter Österreich und die Schweiz, Drug-Checking bereits durchgeführt wird und wissenschaftliche Auswertungen dazu erfolgreich waren, fehlt in Deutschland ein umfassendes Drug-Checking-Angebot. Szeneorganisationen, Initiativgruppen und Einrichtungen der Suchthilfe fordern seit Jahren den Einsatz solcher Programme.
 
  1. Gibt es Beispiele aus Ländern, die Safer Use-Strategien umsetzen?
Es gibt in der Tat viele. Die Schweiz beispielsweise gilt als Vorreiter in Sachen Safer Use. Themen wie Spritzenvergabe, Konsumräume, Drug-Checking, etc. sind dort bereits seit Beginn der 90er Jahre Gang und Gebe. Portugal hat den Besitz von illegalen Drogen entkriminalisiert und ist mit dieser Strategie sehr erfolgreich. In einigen Staaten der USA wurde Cannabis legalisiert. Die Studien zeigen, dass entgegen den Befürchtungen vieler Kritiker, der Cannabiskonsum nicht angestiegen ist und die Zahl der Erstkonsument*innen ebenfalls nicht zugenommen hat. Auch aus Deutschland gibt es Erfolgszahlen zu vermelden. In den Bundesländern, die Drogenkonsumräume etabliert und umgesetzt haben, sind die Drogentotenzahlen langfristig rückläufig.
 
  1. Ist Safer Use nicht Werbung für Konsum?
Wir hören in unserem Arbeitsalltag immer wieder Stimmen aus der Bevölkerung: „Aber ihr fördert doch damit den Konsum!?“ Nein, das tun wir nicht. Denn die Menschen würden so oder so konsumieren, ob sie nun von uns sterile Spritzen bekommen oder nicht. Wir können wenigstens mit unserer Vergabe dazu beitragen, dass sie risikoärmer konsumieren, dass das Risiko sich anzustecken eingedämmt wird, dass die körperlichen Erscheinungen, die durch den Gebrauch unsteriler Nadeln oder ähnlichem entstehen können, gar nicht erst auftauchen.
 
Der Wunsch nach einer drogenfreien Gesellschaft ist eine Illusion. Die Sehnsucht nach dem Rausch gab es schon immer, in jeder Kultur, in jedem Zeitalter. Der eigentliche Wunsch sollte es sein, zu einer Gesellschaft zu werden, die einen selbstbestimmten, risikoarmen, verantwortungsvollen Umgang mit dem Konsum von Drogen ermöglicht. Anstatt mit prohibitiven Mitteln die Menschen zu kriminalisieren, zu stigmatisieren und somit an den Rand unserer Gesellschaft zu drängen.
 
Wenn man dann noch die Opfer im weltweiten Krieg gegen die Drogen dazu nimmt, beispielsweise in Süd- und Mittelamerika, aber auch Afghanistan oder auf den Philippinen, muss man ganz klar sagen, dass die Prohibition versagt hat.
 
Safer Use ist die Chance sich mit seinem Konsum bewusst auseinanderzusetzen und durch seinen Konsum weder sich selbst noch andere zu schädigen.