Eva EgartnerJeder Mensch verdient die gleichen Chancen, das gleiche Recht auf Mitbestimmung und einen fairen Anteil an unseren Ressourcen. Kein Mensch sollte Diskriminierung, Armut, oder Verfolgung ausgesetzt sein. Im Jahr 2007 riefen die Vereinten Nationen zum ersten Mal den Welttag der Sozialen Gerechtigkeit aus. Heute, am 20. Februar 2020, wird dieser Tag unter dem Motto „Die Ungleichheitsschere überwinden“ begangen.
 
Global gesehen sind wir noch immer weit davon entfernt, diese Schere zu schließen. Aber auch Deutschland ist kein Paradies für soziale Gerechtigkeit. Natürlich, wir leben in einem wirtschaftlich stabilen Land, wo Budgetüberschüsse für Diskussionen über Steuersenkungen sorgen. Doch  wie Soldiar, die NGO Gruppe für soziale Gerechtigkeit, kürzlich im EU-Ländervergleich zeigte, fänden sich so einige sinnvollere Investitionsmöglichkeiten für unsere Milliarden an Überschuss: In Deutschland  sind Menschen mit Migrationshintergrund am Arbeitsmarkt weiterhin stark unterrepräsentiert. Was Maßnahmen zur Armutsbekämpfung betrifft, war die Einführung des Mindestlohns 2015 für die vulnerabelsten Gruppen wenig effektiv. Und bezüglich Chancengleichheit lesen wir eine besonders erschreckende Statistik: Durchschnittlich braucht ein Kind aus armen Verhältnissen in Deutschland 180 Jahre (also ganze sechs Generationen!), um den nationalen Durchschnitt zu erreichen. Im Vergleich dazu dauert das in Dänemark zwei, in den USA fünf Generationen.
 
Dass mit der sozialen Gerechtigkeit noch so einiges im Argen liegt, sehen wir in unserer täglichen Arbeit bei Condrobs. Viele Menschen, die unsere Hilfe in Anspruch nehmen, sind Opfer von diesen Ungerechtigkeiten. Natürlich, Versorgungslücken in unseren Bereichen systematisch zu schließen, ist die Grundforderung. Es braucht flächendeckende Präventionsarbeit an Schulen, ambitionierte Integrationsangebote für Geflüchtete und allgemeinen Zugang zu gesundheitlicher Versorgung und niedrigschwelligen Hilfen für Suchtkranke.
 
Aber zum Welttag der Sozialen Gerechtigkeit liegt mir noch etwas anderes am Herzen: Soziale Gerechtigkeit heißt nicht nur Chancengleichheit für alle. Sie heißt auch, dass jeder Mensch eine zweite Chance bekommen muss. Ungerechtigkeiten drängen Menschen an den Rand, sie grenzen aus und produzieren Folgeerscheinungen wie Langzeitarbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, fehlende Perspektiven, Abhängigkeit. Sie sind auch den Nährboden für Hetze gegen Minderheiten, Hass und, wie wir nach den brutalen Anschlägen gestern Abend in Hanau wieder sehen mussten, Gewalt.
Diese Gefahren sind uns oft schmerzlich bewusst, genauso bewusst wie das Wissen, dass die Folgen von sozialer Ungerechtigkeit jede*n treffen können und der Rand der Gesellschaft in unserem System oft auch Abstellgleis bedeutet. Solange Ungleichheiten bestehen, ist es an Vereinen wie uns, Brücken zurück vom Rand in die Mitte der Gesellschaft zu bauen. Indem wir täglich Menschen helfen, leisten wir einen nicht wegzudenkenden Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit ­- ohne Stigmatisierung und mit konstruktivem Mitgefühl.
 
Eva Egartner,
Geschäftsführende Vorsitzende, Condrobs e.V.