„Mach dich schlau!“ – Schon der Titel der neuen Social Media Kampagne zur Cannabisprävention transportiert genau das, was es laut Vorhaben der Drogenbeauftragten Daniela Ludwig  zu verhindern galt: Den erhobenen Zeigefinger. „Wenn du dich schlauer machst, als du es gerade bist“, so scheint der Slogan zu sagen, „dann kommst auch du zum richtigen Schluss.“ Nämlich, nicht zum Joint zu greifen. Schon in ihrem Grundgedanken ist Ludwigs Kampagne also lange Bekanntes in frischer digitaler Aufmachung.
 
Aber nochmal von Anfang an: In einer Ende Mai 2020 geführten Pressekonferenz stellte Daniela Ludwig eine Social Media Kampagne zum Thema Cannabisprävention vor. Abzielen soll die Präventionsmaßnahme auf Jugendliche und junge Erwachsene, daher „weniger Flyer, weniger Plakate, mehr Instagram, mehr TikTok, mehr WhatsApp.“ Ähnlich modern sollen auch die Inhalte sein: Austausch auf Augenhöhe statt Zeigefinger, Wissen vermitteln statt abschrecken und strafen. Was am Ende bei jugendlichen Empfänger*innen dieses frisch vermittelten Wissens herauskommen soll: „Kiffen ist nicht cool. Es ist cool nicht zu kiffen.“
 
Dabei sind manche Ansätze der Kampagne begrüßenswert: Ja, Jugendschutz und Prävention muss auch beim Thema Cannabis an erster Stelle stehen. Ja, objektives Wissen über Wirkung und mögliche Folgen fördert emanzipiertes Entscheiden über den eigenen Konsum. Und ja, Präventionskommunikation muss heute auch in sozialen Netzwerken passieren.
 
So manche gezogenen Schlüsse sind aber infrage zu stellen: Die anhaltende Legalisierungsdebatte um Cannabis, so Ludwig, erzeuge fehlendes Risikobewusstsein bei Jugendlichen. Ist das so? Woher kommt der Schluss, dass es jungen Menschen – bei allen bereits bestehenden Angeboten – das Wissen über Cannabis als Droge fehlt? Braucht es nicht vielleicht ganz andere Formen von Austausch? Inwieweit wirken sich die angepriesene Besucher*innenzahlen der BZGA Plattform drugcom wirklich auf das Konsumverhalten aus? Und was, wenn Jugendliche aus dem zur Verfügung gestellten Wissen nicht die erwünschte Konsequenz ziehen? Ein informierter Entscheid für den Cannabiskonsum steht weiter unter teils harter Strafe.
 
Genau diese Konsequenz ist besonders zu hinterfragen: „Wenn ich den Jugendschutz in den Mittelpunkt stelle, dann sind weder Legalisierungsmodelle noch Modelle einer staatlichen Abgabe geeignet, den Jugendschutz herbeizuführen“, wehrt die Drogenbeauftragte eine Journalistenfrage zur Legalisierungsdebatte ab. Es stimmt, Legalisierung führt nicht gleich zum Jugendschutz. Aber genauso wenig tut das ein Festklammern am restriktiven Status Quo. Das zeigt der auch von Ludwig erwähnte Trend zum ansteigenden Cannabis Konsum unter Jugendlichen.
 
Im Hinblick auf Cannabisprävention spricht so einiges für eine Auseinandersetzung mit Legalisierungs- oder Abgabemodellen. Wer heute mit Cannabis erwischt wird, der/dem drohen vor allem in Bayern unverhältnismäßig harte Strafen. Besonders bei jungen Menschen kann das ernsthafte Einschnitte ins Leben bedeuten. Eine solche Stigmatisierung verhindert aber nicht etwa den Konsum – vielmehr schafft es gesellschaftliche Gräben und blockiert den Dialog. Eine staatliche Abgabe an Erwachsene hätte für den Jugendschutz einen Paradigmenwechsel zur Folge, eine entdämonisierte Gesprächsbasis beim Thema Cannabis.
 
Natürlich, Cannabisabgabe muss kontrolliert passieren. Der mittlerweile verhältnismäßig stark angestiegene Wirkstoffgehalt von Cannabis muss in den erlaubten Abgabemengen berücksichtigt werden. Ebenso, auch im Hinblick auf negative hirnorganische Auswirkungen auf jugendliche Konsumierende, sollte Cannabis nur an Menschen über 21 Jahren abgegeben werden.
 
Was eine Abgabe auch zur Folge hätte, wären Steuereinnahmen. Steuereinnahmen, die in der Suchthilfe, Prävention und sozialen Arbeit bitter nötig sind. Dass der Bedarf nach mehr holistischer sozialer Arbeit besteht, nimmt auch Ludwig zur Kenntnis. Ein massiver Ausbau der Streetwork, Schulsozialarbeit, Familienberatung und Ausbildungsunterstützung böte nämlich für Jugendliche genau das, was Ludwigs Social Media Kampagne nicht bieten kann: Einen direkter Austausch auf Augenhöhe, individuelle Betreuung mit Rücksichtnahme auf die Lebenshintergründe von jungen Menschen, offene Gespräche. Denn statt einem auffordernden „Mach dich schlau!“ wirkt Prävention immer mit einem einladenden „Reden wir darüber!“