Beim Thema „Gender“ gibt es viel Bewegung. Einige aktuelle Presseberichte zeigen, wie unterschiedlich die Positionen sind.
 
Der eine gendert Konsequent, andere wollen den Gebrauch von Gender-Punkten oder -Sternchen sogar komplett verbieten, und wieder andere sind noch nicht mal auf der sprachlichen Gender-Ebene angelangt, sondern noch mindestens einen Schritt von dieser (R)Evolution entfernt. Das Thema „Gender“ bewegt Individuen, Institutionen, ganze Nationen.

Sprachveränderung als Türöffner

Der inklusive Gedanke hinter dem * oder : ist für einige Menschen kein hinreichender Grund, Änderungen anzustoßen oder zumindest widerstandslos geschehen zu lassen Von sprachlichen Verrenkungen ist die Rede, einem Schmutzfleck auf der scheinbar so schönen, reinen Sprache. Manche wittern hinter dem Gendersternchen eine Revolution, die den vielbeschworenen Untergang des Abendlandes einleiten soll. Dass Sprache seit je her zahlreichen Veränderungen unterliegt, wird dabei meist vergessen.
 
Aber ist es nicht auch richtig, dass andere Sprache oftmals eine veränderte Gesellschaft nach sich zog? Sicherlich. Aber war es nicht oftmals der Wunsch und Wille, in einer neuen gesellschaftlichen Ordnung leben zu wollen, der sich durch gewandelte Sprache ausdrückte? Und hat eine sich wandelnde Sprache nicht auch oft Türen geöffnet und tradierte Verhältnisse zunichtegemacht? Das zunehmende Verschwinden, Ersetzen bzw. Ergänzen von Begriffen, die hierarchische Verhältnisse aufrechterhalten und bestimmte Menschen konsequent ausschließen kann nur ein Schritt in eine richtige Richtung sein. Hier abendländische Untergangsszenarien hineinzuinterpretieren, ist nur mit viel Fantasie möglich.

Genderthema bewegt

„Gender“ ist längst kein Thema mehr, das nur in Fachzirkeln diskutiert wird. Sowohl die private wie auch die politische Ebene sind davon betroffen –  mit verschiedensten Konsequenzen. Aus Frankreich kam kürzlich erst die Meldung, dass Bildungsminister Jean-Michel Blanquer gendergerechte Schreibweise an Schulen und in seinem Ministerium verboten hat. Seine Argumente: Die Pünktchen - in Frankreich gendert man bspw. so "député.e.s" (Parlamentarier*innen) – verhindern flüssiges lesen und seien zu komplex. Vor allem würden Personen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche sich damit schwertun. In der Tat können manche schriftliche, gendergerechte Stilmittel mangelhafte Barrierefreiheit haben. Dennoch wäre der richtige Ansatz in diesem Fall wohl eher gewesen, adäquate Lösungen zu suchen. So wird eine Personengruppe auf Kosten einer anderen ausgeschlossen, anstatt durch nach Optionen zu suchen, jeden auch sprachlich und schriftlich zu inkludieren.
 
Dass es auch anders geht, hat Atze Schröder in einem aktuellen Podcast-Interview gezeigt. Der in seiner Rolle als stereotyper Ruhrpott-Proll auftretende populäre Komiker galt vielen lange Zeit als Inbegriff des Klischee-Mannes. Doch auch ihm wurde eigenem Bekunden zufolge irgendwann klar, dass gendern heutzutage ein wichtiges Thema ist. Konsequenterweise und entgegen der landläufigen Erwartung an seine Bühnenfigur hat er die gendergerechte Sprache in seine Kommunikation aufgenommen.

Revolution im Fußball?

Von der Etablierung weitreichenden genderns ist der Fußball hingegen noch weit entfernt. Zumindest wurde aber vor kurzem ein kleiner, jedoch historischer Schritt gegangen, der den „Männersport“ noch mehr zum „Menschensport“ werden lässt. Der niederländische Fußballverband hat entschieden, dass zumindest Amateurteams nicht mehr nur rein aus Männern oder Frauen bestehen müssen, sondern gemischt sein können. Die Aufhebung der starren Geschlechtertrennung kann eine Initialzündung sein für eine weitergehende Öffnung und Änderung. In der auf Traditionen pochenden, als unbeweglich geltenden Welt des Fußballs würde das einer enormen Umwälzung gleichkommen.

Genderarbeit als Prozess

Es ist herausfordernd, maximal gendersensibel zu werden. Das zeigen die beschriebenen aktuellen Meldungen. Und auch der vor kurzem abgehaltene Condrobs-Fachtag GLEICHSTELLUNG DURCH GENDERARBEIT hat das klargemacht. Es ist ein Prozess, der nie zu Ende gehen darf. Tagtäglich muss dazugelernt, zugehört und verstanden werden, was Menschen bewegt, wie man ihnen gerecht werden kann und ihnen das gibt, was ihnen zusteht: ihre unveräußerlichen Rechte. Man dürfe, so Bereichs-Geschäftsführerin Angebote für Frauen* und Männer* in München Katrin Bahr, „Ungleichheiten nicht hinnehmen, nur weil sie schon immer so waren.“