„Würde braucht Raum“ – Beratungsstelle Wohnen und Perspektive in Schweinfurt eröffnet

23. Juni 2026

Mit einer klaren Botschaft bei der Eröffnungsfeier ist in Schweinfurt die neue Beratungsstelle Wohnen und Perspektive gestartet: Wohnungslosigkeit darf nicht unsichtbar bleiben.

Zahlreiche Vertreter*innen aus Politik, Verwaltung, sozialen Einrichtungen und Zivilgesellschaft kamen zusammen, um den neuen Ort kennenzulernen und um gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.

„Ein gemeinsames Versprechen“

Schon zu Beginn wurde klar: Es geht um mehr als neue Räume.

„Die Eröffnung einer neuen Einrichtung markiert nicht nur den Beginn eines Angebots, sondern ein gemeinsames Versprechen: Menschen in schwierigen Lebenssituationen nicht allein zu lassen“, betonte Condrobs- Vorständin Katrin Bahr.

Sie machte deutlich: Wohnungslosigkeit beginnt oft lange vor dem Verlust der Wohnung. Und genau dort setzt die Fachstelle an. Mit einem Mix aus Prävention, Beratung und enger Begleitung soll frühzeitig unterstützt, Stabilität geschaffen und neue Perspektiven eröffnet werden.

Karin Wiggenhauser, Bereichsleiterin Hilfen für Erwachsene und bayernweite Angebote, ergänzte den Blick auf das große Ganze: Ohne enge Zusammenarbeit geht es nicht. Die neue Fachstelle versteht sich deshalb bewusst als Schnittstelle zwischen Betroffenen, Behörden, Vermieter*innen und sozialen Diensten mit dem gemeinsamen Ziel, Menschen rechtzeitig erreichen und nachhaltig zu unterstützen.

Wohnungslosigkeit ist mitten in der Gesellschaft

Dass Schweinfurt diese Einrichtung dringend braucht, machte Schweinfurts Oberbürgermeister Ralf Hofmann deutlich:

„Wer glaubt, Wohnungslosigkeit sei ein Thema der Metropolen, der irrt.“

Steigende Mieten, gesellschaftliche Umbrüche und individuelle Krisen führten dazu, dass immer mehr Menschen betroffen seien. Gleichzeitig betonte er die zentrale Bedeutung sozialer Arbeit:

„Ihre Aufgabe ist, dass Menschen, die oft nicht gesehen werden, eine Wertschätzung erfahren und eine Chance erhalten.“

„Wohnungslosigkeit ist kein persönliches Versagen“

In einem eindringlichen Impuls machte Einrichtungsleiter Frederik Ley deutlich, wie vielfältig die Ursachen von Wohnungslosigkeit sind: steigende Mieten, Arbeitslosigkeit, Krankheit, familiäre Konflikte oder persönliche Krisen können Menschen schnell in schwierige Situationen bringen.

Allein in Deutschland waren Anfang 2025 rund 475.000 Menschen offiziell als wohnungslos registriert, die Dunkelziffer ist deutlich höher.

„Wenn wir über Wohnungslosigkeit sprechen, sprechen wir oft in Zahlen. Doch hinter jeder Zahl steht ein Mensch.“

Und weiter: „Wohnungslosigkeit ist kein persönliches Versagen, sondern häufig das Ergebnis komplexer sozialer, wirtschaftlicher und gesundheitlicher Belastungen.“

Seine klare Botschaft: „Würde braucht Raum“. Es braucht Orte, „an denen Menschen willkommen sind, unabhängig von ihrer Lebensgeschichte oder ihren aktuellen Herausforderungen“.

Nah und konkret

Wie diese Haltung konkret umgesetzt wird, zeigten die Sozialpädagoginnen Ronja Iserlohe und Katharina Acker, die einen besonders nahen Einblick in die Praxis gaben:

Ein rund 50-jähriger Bewohner der Obdachlosenunterkunft, körperlich stark eingeschränkt und lange ohne Perspektive, wandte sich Anfang März an die Beratungsstelle. Gemeinsam mit dem Team wurde Schritt für Schritt seine Situation geklärt, von der Sicherung von Leistungen (zunächst Bürgergeld, später Grundsicherung) über die Beantragung eines Wohnberechtigungsscheins bis hin zur Anmeldung bei verschiedenen Wohnungsanbietern.

In enger Abstimmung mit Behörden und Wohnungsbaugesellschaften gelang schließlich der Durchbruch: Nach einem persönlichen Gespräch erhielt er ein Wohnungsangebot. Das Team begleitete ihn zu Terminen, unterstützte bei Formalitäten und hielt den Kontakt zu allen Beteiligten. Das Ergebnis: Wenige Monate später stand die Vertragsunterzeichnung an und dann der Einzug in die eigene Wohnung.

Ein Erfolg, der zeigt, was möglich ist, wenn Unterstützung funktioniert und wenn Menschen selbst den Mut haben, diesen Weg mitzugehen.

„Oft beginnt Veränderung mit einem Gespräch, mit jemandem, der zuhört“

Solche Prozesse sind selten schnell oder einfach. Umso wichtiger ist die kontinuierliche Begleitung im Alltag: Seit dem Start Anfang des Jahres wurden bereits zahlreiche Menschen erreicht, darunter über 150 persönliche Beratungsgespräche.

Der Ansatz ist bewusst einfach gehalten: offene Sprechstunden, freiwillige Beratung und Hilfe genau dort, wo sie gebraucht wird. Oft beginnt es mit kleinen Schritten: Briefe öffnen, Anträge verstehen, erste Gespräche führen.

Ein zentrales Element ist zudem das Probewohnen: Klient*innen können zeitweise in eine bereitgestellte Wohnung einziehen, werden eng begleitet und erhalten so eine realistische Chance auf einen eigenen Mietvertrag

Zusammenarbeit als Schlüssel

Ein roter Faden zog sich durch alle Beiträge: Keine Einrichtung kann Wohnungslosigkeit allein bewältigen.

„Nicht Konkurrenz, sondern Kooperation. Nicht Einzelkämpfertum, sondern gemeinsames Handeln“, formulierte Ley den Anspruch.

Auch aus dem Publikum kamen klare Impulse, dass sich „jeder angesprochen und verantwortlich fühlen muss“.

Ein Ort der Hoffnung – mitten im Leben

Am Ende des Tages blieb vor allem eine zentrale Botschaft: Diese Fachstelle ist mehr als ein Projekt. Sie ist ein Ort, an dem Haltung gezeigt wird, an dem Menschen gesehen werden und an dem Perspektiven geschaffen werden.

Oder, wie es Frederik Ley formulierte: „Heute eröffnen wir nicht nur neue Räumlichkeiten, wir eröffnen einen Ort der Begegnung, der Unterstützung und der Hoffnung.“

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