Automatisch verloren: Das legale Spiel mit dem Glück

4. August 2021

Dieser Beitrag ist aus dem aktuellen ConNews. Diesen und weitere Artikel können Sie u.a. in der Digitalausgabe des ConNews hier lesen.

Zum 1. Juli trat in zahlreichen Bundesländern, darunter auch Bayern, der Staatsvertrag zur Neuregulierung des Glücksspielwesens (GlüStV 2021) in Kraft. Nach den Sportwetten wird auch das Online-Glücksspiel legalisiert. Condrobs kritisiert gravierende Mängel zu Lasten des Spieler*innenschutzes.

SOG INS UNGLÜCK
Thomas* wird das beklemmende Gefühl nie vergessen, als Sportwetten, der schnelle Kick am Handy, Erwartung und Verzweiflung sein Leben und Denken beherrschten. Der 41-Jährige hatte einige Jahre zuvor mit Freunden bei der Fußball-WM gewettet und viel Geld gewonnen. Er spielte weiter, im Wettsalon um die Ecke und in einem Online-Wettportal. Doch dann ging die Spirale nach unten, er verlor, spielte mehr, immer größere Summen. Vor seiner Frau und seinem Sohn verheimlichte er alles und hoffte, die Verluste wettmachen zu können. Erst vier Jahre später entdeckte seine Frau das Minus auf dem Familienkonto. Da eröffnete er ihr die bittere Wahrheit. Sie überzeugte Thomas, sich Hilfe bei der Condrobs-Fachstelle für Glücksspielsucht zu suchen.

RISIKO SPORTWETTEN
Anbieter von Online-Sportwetten sind in der Bandenwerbung und in Online-Newsportalen allgegenwärtig, Sportwetten-Läden mit  prominenten Werbebotschaften sind überall in den Innenstädten präsent. „Die Kehrseite dieser Entwicklung erleben unsere Suchtexpert*innen in der Fachstelle für Glücksspielsucht täglich,“ berichtet Katrin Bahr, Bereichs-Geschäftsführerin Angebote für Frauen* und Männer* in München: „Wir verzeichnen eine rapide Zunahme von Klient*innen, die wegen Suchtproblemen durch Sportwetten zu uns kommen, von rund 10% 2018 auf 20% im vergangenen Jahr.“

AUF DEM VORMARSCH
Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) beziffert, dass etwa 430.000 Menschen in Deutschland mindestens problematisches Spielverhalten aufweisen. In der Corona-Pandemie rückten die digitalen Wett- und Pokerportale deutlich in den Fokus, so die Einschätzung der BZgA. „Online-Glücksspiel birgt durch seine ständige Verfügbarkeit ein enormes Suchtpotenzial. Es ist ein legalisiertes Elendsgeschäft mit dem falschen Versprechen ‚Gewinnen und glücklich sein‘“, warnt Eva Egartner, Geschäftsführende Vorsitzende. Condrobs wendet sich vehement gegen die Neufassung des Glücksspiel-Staatsvertrags, der eine Zunahme der Glücksspielsüchtigen vorprogrammiert.

WAS PASSIERT IM GEHIRN?
Bei Glücksspielsucht haben sich durch wiederholtes Glücksspiel starke Verknüpfungen im Gehirn gebildet. Gewinnt man, kommen die erwünschten Glücksgefühle auf und verstärken genau diese Verbindungen. Wie bei substanzgebundenen Süchten wie Alkohol oder Drogen lässt die Wirkung jedoch nach und das Suchtmittel muss erhöht werden, um die gleiche Wirkung zu erzielen. Das heißt, die Sucht wird immer stärker – und mit ihr die sozialen und finanziellen Konsequenzen.

ERFOLGREICHE PRÄVENTION
Die Erfahrung in Suchtberatung und Therapie zeigt, wie hoch das Risiko ist, durch Glücksspiel in die Fänge der Sucht zu geraten, und zwar vom Jugendlichen bis hin zur Rentnerin, quer durch alle sozioökonomischen, kulturellen und familiären Schichten. Die Evaluation bereits erprobter Präventionsprogramme aber zeigt erfolgreiche Konzepte zur Bekämpfung der Suchtrisiken auf, insbesondere bei Jugendlichen.

BERATUNG UND THERAPIE
In allen Suchtberatungsstellen von Condrobs finden Menschen mit problematischem Glücksspielverhalten Beratung und weiterführende Hilfen. In München-Pasing ist das ambulante Therapieangebot speziell auf die Bedürfnisse pathologischer Glücksspieler*innen zugeschnitten: Die Klient*innen bekommen in Einzel- und Gruppentherapie Unterstützung auf ihrem Weg aus der Abhängigkeit. „Wir begleiten unsere Klient*innen in der Reha mindestens ein Jahr. Wissenschaftliche Studien zum Suchtverlauf Spielsüchtiger belegen, dass der Zeitraum für eine stabile Genesung sehr lang ist“, so Bahr. „Die im neuen Staatsvertrag festgelegten Sperrzeiten für hochgefährdete oder bereits abhängig Glücksspielende von drei Monaten bzw. einem Jahr greifen deshalb deutlich zu kurz.“

AUSSTIEG AUS DER SUCHT
Condrobs betreut in der Ambulanten Rehabilitation in Pasing rund 90 Klient*innen jährlich, überwiegend Männer von 20 bis 72 Jahren. Einer von ihnen ist Thomas. Sie lernen Strategien zur Stabilisierung, um spielfrei zu werden und Rückfälle zu verhindern. Thomas hat den Umgang mit Geld neu erlernt, ebenso wie den Umgang mit seinen Gefühlen, Stress bis hin zu Langeweile, auf die er bisher reflexartig mit Suchtdrang reagierte. Thomas ist zuversichtlich, dass er es schafft.

Infos zur Suchtberatungsstelle Glücksspiel:
www.condrobs.de/gluecksspielsucht

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