Frau S. bewegte Lebensgeschichte

5. September 2023

Der Alltag in den Condrobs-Einrichtungen ist geprägt von Geschichten. Mal sind diese klein, mal sind sie groß. Manchmal sind sie niederschmetternd, manchmal auch aufbauend. Einen Blick „hinter die Kulissen“ der Drogenberatung München gewährt uns die Diplom-Sozialpädagogin (FH) und Suchttherapeutin (VDR) Nicole Sommerfeld in ihrer Fallschilderung von Frau S.

Frau S. nahm im Herbst 2021 Kontakt zu unserer Beratungsstelle auf. Sie war zu diesem Zeitpunkt 58 Jahre alt und hatte bereits einige bewegte Lebensabschnitte hinter sich.

Mit ca. 16 Jahren begann sie Cannabis zu konsumieren, relativ bald kamen Heroin und Kokain hinzu, so dass sie mit 20 Jahren eine diagnostizierte Abhängigkeitserkrankung dieser Substanzen entwickelt hatte. Der Konsum von Alkohol spielte zunächst eine untergeordnete Rolle

Immer wieder leitete sie Hilfemaßnahmen ein, um ihre Abhängigkeit zu bekämpfen. In der letzten stationären Therapie vor ca. 20 Jahren lernte sie ihren heutigen Partner kennen und beide fanden ineinander einen Halt, der ihnen bei der Abstinenz von illegalen Drogen hilfreich war.

Konsum führt zu Koma

Im Jahr 2020 begann Frau S. nach jahrelanger Abstinenz von Alkohol und Drogen aufgrund von zu hoher Belastung im Arbeitsleben mit dem Konsum von Alkohol, welcher sich innerhalb kürzester Zeit derart steigerte, dass sie in ein Koma verfiel und anschließend an die stationäre Behandlung im Krankenhaus auch eine längerfristige Rehabilitation machen musste, um ihren Körper wieder „aufzupeppeln“. Nun war klar: jeder erneute Konsum hätte dramatische Folgen haben können.

Sie entschloss sich zur Kontaktaufnahme zu unserer Drogenberatung München in der Konradstraße mit dem Wunsch nach erneuter Therapie. In der ersten Zeit der Beratung ging es darum, nach ihrem Rückfall das Leben neu zu sortieren, entsprechende Hilfen zu akquirieren und gleichzeitig die Abstinenz zu festigen. Danach wurde sie in die ambulante Rehabilitation in unserem Haus aufgenommen.

Sie nahm zuverlässig alle Termine im Einzel- und Gruppensetting wahr und war sehr daran interessiert, Ideen zu spinnen und neue Wege für sich auszuprobieren. Der Aufbau von Aktivitäten war ein wichtiges Therapiethema, um die Klientin im Hier und Jetzt zu stabilisieren. So wurden neue Aktivitäten ausprobiert, Urlaubspläne geschmiedet, ein Zelt gekauft oder die gemeinsame Küche selbständig renoviert.

Erkennen von Zusammenhängen

Natürlich war auch die Biographiearbeit ein Element, obwohl Frau S. durch ihre vorherigen Therapien bereits viele Zusammenhänge erkennen konnte. Sie kommt aus einer Familie mit vielen ausschließlich männlichen Geschwistern und war das Nesthäkchen. Suchterkrankungen sind ihr auch aus dem familiären Setting bekannt und sie hat diesbezüglich viel Verantwortung für andere Familienmitglieder übernommen. In den Einzelgesprächen konnte sie ihre Rolle hierzu erneut reflektieren.

Schnell war ihr klar, dass ein Rentendasein nicht ihr Ziel ist. Sie entschied sich dafür, eine Tätigkeit in Form einer geringfügigen Beschäftigung in ihrem früheren Bereich Einzelhandel aufzunehmen. Immer wieder war sie im Abgleich mit sich selbst, was machbar ist und was ihr nicht guttut.

Auf in eine hoffnungsvolle Zukunft

Ein Ereignis berührte mich zutiefst: Frau S. und ihr Partner gaben sich nach über 20 Jahren das Ja-Wort. Stolz und verliebt wie ein Teenager ließ sie mich Einblick haben in die Hochzeitsvorbereitungen und auch die Feier selbst, indem sie mir Fotos zeigte. Eine der Früchte der therapeutischen Beziehungsgestaltung.

Nach knapp einem Jahr beendete sie ihre Therapie regulär, mit dem Wunsch, gemeinsam mit ihrem Mann nach ihrer Hochzeitsreise (Camping in Albanien) in unsere Nachsorgegruppe aufgenommen zu werden.

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