25 Jahre Gedenktag für verstorbene Drogengebraucher*innen

22. Juli 2022

München, 22. Juli 2022 – Am 21. Juli 2022 gedachten Angehörige, Vertreter*innen von Stadt und Drogenhilfeträgern sowie interessierten Bürger*innen am Münchner Marienplatz der 73 verstorbenen Drogengebraucher*innen in München in den vergangenen 12 Monaten, das sind über 15% mehr als im Vorjahr. Ihre einhellige Forderung an die bayerische Staatsregierung: Die Errichtung von Konsumräumen, die nachweislich Überleben sichern und den Zugang zum Hilfenetz erleichtern.

„Wir wollen den Verstorbenen mit unserem Gedenken einen Namen und ein Gesicht geben. Ihr seid nicht vergessen und ihr seid es wert“, so Moderator Olaf Ostermann, Abteilungsleiter Angebote für Ältere und niedrigschwellige Hilfen beim Condrobs e.V. Der Gedenktag unter der Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Dieter Reiter setzt ein Zeichen der Solidarität mit Drogengebraucher*innen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Thekla von der Selbsthilfegruppe JES München verlas die Vornamen der Verstorbenen, während 73 weiße Rosen symbolisch auf einen Sarg abgelegt wurden. Die bewegende Zeremonie auf dem Marienplatz wurde durch Musik der Gruppe Donnelly Connection untermalt.

 

Frau Bürgermeisterin Verena Dietl, in Vertretung von OB und Schirmherr Dieter Reiter

 

In den letzten 25 Jahren sind insgesamt 1.351 Drogentote in München zu beklagen, weil ihnen in bestimmten Momenten ihres Lebens Hilfe gefehlt hat. Ostermann stellte heraus: Diese traurige Zahl könnte durch Konsumräume und durch drug checking auch in Bayern erheblich gesenkt werden.

Bürgermeisterin Verena Dietl hob in ihrer Ansprache die Solidarität der Stadt hervor: „Die Stadt steht hinter den Angehörigen und hinter den Einrichtungen, die helfen. Corona hat es schwieriger gemacht, den Menschen zur Seite zu stehen. Doch sie brauchen dringend gute Unterstützung.“ Dietl betonte, die Stadt München fordere seit 2017, einen Konsumraum als Modellprojekt zu eröffnen. Das aber liege in der Verantwortung der Länder. Dietl versprach:

„Wir werden nicht locker lassen!“

 

Die Anzahl an verstorbenen Drogengebraucher*innen in München und der symbolische Sarg

 

Tobias Oliveira Weismantel, Geschäftsführer der Münchner Aidshilfe, ergänzte, dass auch der Ausbau von Substitutionsplätzen wichtig ist, um Überleben zu sichern. Er appellierte an alle:

„Es braucht mehr therapeutische Angebote, statt des sinnlosen Strafens von Delikten. Mit diesen Delikten bestrafen sich die Betroffenen meist selbst ohnehin.“

Margot Wagenhäuser, Leiterin des Fachbereichs Therapieverbund Sucht des Caritasverbands München e.V., hob hervor, dass die Mittel für Suchtprävention auf Bundesebene erfreulicherweise um 4 Mio. Euro erhöht wurden. Zu den konkreten Forderungen für eine bessere Versorgung in München gehöre auch die Schaffung von Wohnraum für Drogengebraucher*innen und die Entkriminalisierung von Konsument*innen.

Marco Stürmer, Geschäftsführer von Prop e.V. – Verein für Prävention, Jugendhilfe und Suchttherapie, erwähnte das erfolgreiche Naloxonprojekt als Beispiel dafür, dass sich auch in Bayern in den vergangenen 25 Jahren einiges bewegt habe. Wie gut Hilfe ankommen kann in Konsumräumen, habe er selbst in Augenschein genommen. Die Datenlage und der fachliche Konsens zur positiven Wirkung von Konsumräumen sei so groß wie noch nie.

Katrin Bahr, geschäftsführende Vorständin des Condrobs e.V., stellte klar: „Um ein würdiges Leben führen zu können, brauchen insbesondere vulnerable Menschen wie drogengebrauchende, suchtkranke Menschen, passgenaue Hilfsangebote.“ Sie erhob zwei Forderungen als wichtige Überlebensbausteine in der Suchthilfe: Fördergelder für die Naloxonvergabe, und die Einrichtung von Drogenkonsumräumen:

„Drogenkonsumräume wirken gesamtgesellschaftlich problemlösend. Deswegen hören wir nicht auf, Drogenkonsumräume hier in Bayern zu fordern! Denn alle Menschen haben ein Recht auf ein würdiges Leben.“

Olaf Ostermann brachte zum Schluss der Gedenkveranstaltung auf den Punkt:

„Jedes Wirtshaus in Bayern ist ein Konsumraum. Warum macht gerade Bayern hier so einen Unterschied?“

Denn: Der gesellschaftliche Schadensbericht wegen übermäßigem Alkoholkonsum sei gesellschaftlich viel höher als für illegalisierte Drogen: Er führe zu Gewalt, Vergewaltigung, Beleidigungen u.v.m. Ein Grund mehr, dem Beispiel von Baden-Württemberg zu folgen, das 2019 den Weg frei machte für Konsumräume. Bayern darf nicht Schlusslicht bleiben.

Fotocredit: Florian Freund (https://www.florian-freund.de/)

 

Hier könnt ihr Euch noch einen Beitrag des Radiosenders M94.5 zum Gedenktag anhören:

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