Migrationsberatung in München

23. September 2020

Wenig Lebensraum und jede Menge Bürokratie

Hilfe für Migrant*innen kann vielseitig sein. Die meisten Menschen in der Condrobs Migrationsberatung aber eint die oft verzweifelte Suche nach einer Wohnung. Ein Einblick in strukturelle Hürden, behördliche Herausforderungen und kreative Lösungen.

München, 23.9.2020 – Helen* kam alleine nach Deutschland. Was viele neue Münchner*innen schon erschwert erleben, betraf sie als Asylwerberin besonders: Die schier unmögliche Suche nach einer Wohnung. Wo sollte sie anfangen bei diesem Netz aus behördlichen Voraussetzungen und notwendigen Unterlagen? Ohne soziales Netz, das sie unterstützt?

Helen wandte sich an die Migrationsberatung (MBE) von Condrobs. Zusammen mit Mona Jäger, ihrer neuen Beraterin, konnte sie über die Corona-Nachbarschaftshilfe nebenan.de Kontakt mit einer engagierten Schwabinger Familie aufnehmen. Die Familie freundete sich während des Corona-Lockdowns per Videochats mit Helen an und übernahm ihre Patenschaft. So konnte die junge Frau als Untermieterin in ihr eigenes Zimmer einziehen.  „Helen hat durch die Familie auch Anschluss in Deutschland gefunden. Eine wirklich großartige Lösung“, freut sich Mona Jäger, „und sie lebt jetzt genau unter unserem Büro!“

Migrationsberatung: Wohnungssuche ist Thema Nr. 1

Helens Geschichte ist ein Erfolg für die Condrobs Migrationsberatung. Doch viele der Menschen, denen Mona Jäger und Kathrin Abu-Wishah helfen, warten trotz positivem Asylbescheid vergeblich auf eine eigene Wohnung. „Viele Geflüchtete leben zu lange in Unterkünften“, weiß Kathrin Abu-Wishah: „Die Situation in den Unterkünften steht aber einem geregelten Alltag oft im Weg. Man hat wenig Privatsphäre, schläft schlecht, kann sich schwer auf die Arbeit konzentrieren.“ Neben Deutschlernen und dem Finden von Arbeit ist die Wohnungssuche darum verständlicherweise Thema Nr.1 in der Migrationsberatung.

Zum überstrapazierten Wohnungsmarkt in München kommen überteuerte Mieten,  hohe bürokratische Anforderungen an Bewerber*innen, ein Mangel an sozialem Wohnbau und ein für Migrant*innen hochschwelliger Zugang zum privaten Wohnungsmarkt und Genossenschaften. Und, so Abu-Wishah weiter: „Immer wieder spüren die Menschen Vorurteile und Ressentiments von potenziellen Vermieterinnen und Vermietern. Oft bekommen sie gar nicht die Chance, eine Wohnung zu besichtigen.“

„Wie bewerbe ich mich auf eine Wohnung?“

Wie also hilft die Migrationsberatung bei der Wohnungssuche? Know-How vermitteln ist ein wichtiger erster Schritt. „Wir wollen, dass Leute sich selbst auf Wohnungen bewerben können“, erklärt Mona Jäger, „Wie viel man dazu in München wissen und Mitsenden muss, überrascht viele.“ Welche Formblätter in eine Bewerbungsmappe gehören, zum Beispiel. Was ist eine Schufa-Auskunft? Was sind ein K/P-Schein und eine Bürgschaft? Oder wo finde ich freie Wohnungen? All diese Informationen sind ebenso unerlässlich wie oft schwer durchschaubar.

Aufruf an Vermieter mit Herz

Aber Kathrin Abu-Wishah und Mona Jäger vertreten auch selbst die Interessen ihrer Klient*innen bei Hausverwaltungen, Genossenschaften und auf dem privaten Wohnungsmarkt. „Was viele nicht wissen: Menschen, die zu uns kommen, zahlen sichere Mieten! Viele sind schon in Beschäftigung, und wenn nicht übernimmt das Jobcenter bei einer Einzelperson zum Beispiel bis zu €670,– Kaltmiete“, erklärt Jäger und ruft auf: „An alle Vermieterinnen und Vermieter, oder Leute, die gerade umziehen und ihre alte Wohnung aufgeben: Bitte meldet euch bei uns!“

„München hat in Sachen Wohnungsmarkt viel verschlafen“

Know-How und gute Kontakte sind das Eine bei der Wohnungssuche. Doch es gibt tieferliegende Schwierigkeiten, weiß Abu-Wishah: „An der Situation von sozial benachteiligten Menschen sieht man, wie viel München in Sachen Wohnungsmarkt verschlafen hat.“ Es brauche mehr Projekte für soziales Wohnen, einen Mietendeckel, flexiblere Angebote von Behördenseiten und mehr Offenheit bei privaten Vermieter*innen, heißt es aus der Migrationsberatung.

Verbunden bleiben in der Krise

Die Coronakrise traf natürlich auch die Migrationsberatung. Wenn weniger Gespräche persönlich stattfinden können, wird auch die Wissensvermittlung schwieriger. Mona Jäger erzählt über den Lockdown: „In so einer Zeit brauchten die Menschen besonders unsere Unterstützung. Wir haben am Anfang viel über Messengerdienste gelöst. In regelmäßigen Rundschreiben gab’s zum Beispiel Infos zu Corona in mehreren Sprachen, Tipps, wie man die Kinder jetzt am besten beschäftigt und so weiter.“

Die persönliche Beratung passiert nun vermehrt digitalisiert, auch die zur Wohnungssuche. In einem informativen Video stellen die beiden Beraterinnen zum Beispiel vor, was in einer Mietermappe erhalten sein soll. „Das ist nur der erste Teil“, stellt Mona Jäger in Aussicht, „ich hoffe, dass solche Initiativen den Menschen langfristig helfen, sich hier zurecht zu finden!“

*Name auf Wunsch geändert

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