Wohnungslosigkeit bleibt oft unsichtbar. Menschen ohne feste Wohnung verschwinden zwischen Couchsurfing, Notunterkünften oder an nicht einsehbaren Plätzen. Sie irren umher, suchen sich Orte, die 24 Stunden geöffnet haben, nur, um ihre Wohnungslosigkeit zu kaschieren. Doch das Problem wächst – auch in den Einrichtungen von Condrobs wird das täglich spürbar.
In der Notschlafstelle N21 in Augsburg musste an 21 Nächten die Tür verschlossen bleiben. Nicht, weil der Bedarf fehlte, sondern weil kein Platz mehr da war. Auch die Streetwork-Teams von ConAction berichten: Ein Drittel der jungen Menschen, die sie 2024 erreichten, lebte in unsicheren Wohnverhältnissen.
Wohnungslosigkeit muss nicht Stillstand bedeuten
Hinter diesen Entwicklungen stehen Menschen, die plötzlich alles verlieren, was Sicherheit bedeutet. Einer von ihnen ist Roland. Er ist 52 Jahre alt, gelernter Walzwerker, später über zwanzig Jahre in München bei einem Sicherheitsdienst angestellt. „Es war ein solides Leben“, sagt er rückblickend. Doch mit der Corona-Pandemie brach vieles weg: weniger Arbeitsstunden, sinkendes Einkommen, laufende Kredite. „Ich geriet in Rückstand mit der Miete, und dann kam die Kündigung.“
Heute lebt Roland im Flexi-Heim von Condrobs in München-Freiham. Dort hat er wieder etwas Stabilität gefunden und es war ihm möglich, weiterhin seiner beruflichen Tätigkeit nachzukommen. Rolands Geschichte zeigt: Wohnungslosigkeit bedeutet nicht Stillstand – viele versuchen trotz widriger Umstände, ihr Leben weiterzuführen.
Mehr als nur vier Wände
Auch für junge Menschen wie Ricardo, 20, ist ein Wohnplatz mehr als nur vier Wände. Er lebt im Integrationsprojekt Kistlerhofstraße, in dem das Angebot Sofortwohnen für wohnungslose junge Erwachsene umgesetzt wird: „Die Einrichtung ist für mich ein neues Zuhause. Vor allem, weil ich keine Familie hier habe, bedeutet es mir viel, neue Menschen kennenzulernen und Hilfe bei komplizierten behördlichen Dingen zu bekommen.“
Andere beschreiben vor allem den Wert eines eigenen Zimmers. „Ich habe mein eigenes kleines Reich, und das ist viel wert“, sagt Raven, 20. „Unter einer Wohnungslosenhilfe habe ich mir eigentlich etwas Schlimmeres vorgestellt.“ Und John, 21, betont: „Der Sozialdienst hat mir so sehr geholfen, dass ich inzwischen kaum noch Unterstützung brauche.“
Für Ahmed, 25, inzwischen ehemaliger Bewohner des Integrationsprojekts Kistlerhoftstraße, bleibt vor allem Dankbarkeit: „Die Einrichtung bedeutet mir viel, und ich bin sehr dankbar für alles. Ohne diese Unterstützung wäre vieles nicht möglich gewesen.“ Ahmed konnte mit Unterstützung durch unseren Sozialdienst eine Wohnung auf dem freien Wohnungsmarkt finden und diese beziehen.
Wohnraum schafft Perspektiven
Diese Stimmen zeigen: Wohnungslosigkeit bedeutet Unsicherheit, fehlende Perspektiven und das Gefühl, nicht dazuzugehören. Ein sicherer Ort schenkt dagegen weit mehr als ein Bett – er gibt Stabilität, Ruhe und die Chance, eine selbstbestimmte Zukunftsperspektive aufzubauen.
Die Mitarbeitenden von Condrobs helfen, wenn Formulare unverständlich sind, wenn Gespräche mit Ämtern anstehen oder wenn die Last zu groß wird. Sie schaffen Raum, in dem Menschen sich öffnen und Vertrauen entwickeln können – auch zu ihren Mitbewohnenden: „Ich habe hier schon ein paar Freunde gefunden“, erzählt Ricardo. „Manchmal genügt ein kurzer Small Talk, und man fühlt sich weniger allein.“
Politische Maßnahmen notwendig
Doch so engagiert die Teams arbeiten, ihre Möglichkeiten sind begrenzt. Immer wieder erleben sie, dass Menschen aus Hilfesystemen entlassen werden, ohne Anschlusslösung, ohne Perspektive. Condrobs fängt auf, was möglich ist. Aber die Strukturen müssen sich ändern: Es braucht mehr bezahlbaren Wohnraum, zielgerichtete politische Maßnahmen und ein System, das niemanden fallen lässt.
Am Tag der Wohnungslosigkeit erinnern wir daran: Jeder Mensch hat ein Recht auf ein Zuhause.




